Reformation in Gemmingen

Als Mitverfasser der Broschüre. "Der Kraichgau im Morgenlicht der Reformation" möchte ich doch Stellung nehmen zu dem Artikel Von Pfr. Tschacher in der Ausgabe Ihrer Zeitung vom 6. Mai 2017. Pfr. Tschacher sagt in diesem Artikel, dass nach den Unterlagen des Bistums Speyer, das für die Pfarrstelle in Gemmingen zuständig war, es keinen Nachweis gebe, dass Gemmingen seit 1521 eine evangelische Gemeinde sei und somit die erste evangelische Gemeinde in der jetzigen badischen Landeskirche.

Dazu ist zunächst einmal zu sagen: Ja, da hat Herr Pfarrer Tschacher recht. Das Hochstift Speyer hat die Pfarrei in Gemmingen bis mindestens 1533, als es die Pfarrei dem Theologen Friedrich anbot für eine katholische Pfarrei gehalten, für deren Besetzung sie zuständig waren. Dieser Sachverhalt ist allgemein bekannt und unbestritten.

Die Wirklichkeit war aber damals eine andere, als wir sie heute wahrnehmen. Die Aussage: Diese oder jene Gemeinde war die erste evangelische Gemeinde kann nur als zeitgenössisches Urteil einer viel späteren Zeit einen Sinn geben. Die Gebrüder Gemmingen: Dietrich auf Guttenberg, Wolf in Gemmingen und Philipp in Fürfeld haben in ihren Gemeinden zeitgleich die Reformation 1521 eingeführt, aber als Reformation der einen heiligen katholischen Kirche. Keiner dachte daran die Einheit der Kirche in Frage zu stellen. Dass es in der einen Kirche verschiedene Theologien gab, war bisher auch schon so gewesen. Auch andere Kraichgauritter führten um diese Zeit die Reformation ein. Das Datum, ab wann man heute einen Ort als evangelisch bezeichnet, hing damals oft davon ab, wann es dem zuständigen Patron gelang, einen "lutherischen" Prediger zu bekommen.

In Gemmingen war schon vor 1521 Seit 1513) ein "evangelischer" Prediger, Bernhard Griebler, angestellt und zwar von dem Ortsherren, nicht von Speyer. Denn Gemmingen gehörte eigentlich zum Bistum Worms. Speyer hatte nur das Recht, die Hauptpfarrstelle und eine Kaplanei zu besetzen. Es gab aber, neben Bernhard Griebler, noch vier weitere Priester, die für einzelne Altäre zuständig waren. Für diese siebenköpfige Gruppe von Geistlichen gab es die Kirchenstatuten, die das gottesdienstliche Leben regelten. Diese Statuten wurden von Worms genehmigt, nicht von Speyer. Was also abgesehen von den von Speyer zu besetzenden Stellen in Gemmingen geschah, ging Speyer nichts an, darüber musste auch in Speyer nicht Buch geführt werden.

Schon im Jahre 1518 wollte Wolf von Gemmingen, dass Bernhard Griebler die Hauptpfarrstelle bekommt. Sein Antrag an das Hochstift zu Speyer aber wurde von dort abgelehnt. Deshalb beschritt er 1521, als er beeindruckt von Luthers Auftreten in Worms seine Gemeinde nach Luthers Lehre reformieren wollte, einen anderen Weg, sozusagen an Speyer vorbei. Er setzte ganz auf Griebler und betraute ihn mehr und mehr mit Aufgaben, die eigentlich dem Pfarrer zustanden. So ist belegt, dass im Jahre 1521 in Berwangen durch Griebler das Abendmahl in beiderlei Gestalt gereicht wurde, ebenso 1521 zu Weihnachten in Gemmingen. Das Abendmahl in beiderlei Gestalt war damals ein deutliches Zeichen für lutherische Lehre. Die Gründung der Lateinschule, zu deren Leiter er Griebler machte geschah auch außerhalb des Bereiches, in dem Speyer ein Mitspracherecht hatte. Wolf von Gemmingen wollte auf diese Weise trotz des am "altenGlauben" festhaltenden Dynthalm durch Bernhard Griebler Gemmingen evangelisch prägen. An eine andere Kirche als die eine heilige katholische hat er aber dabei nicht im Traum gedacht. Das belegt ja auch die Tatsache, dass Dynthalm sich 1524 darüber beschwerte, dass Wolf von Gemmingen ihn dazu drängte, auch deutsch zu taufen. Noch 1544, als er Philipp, dem Sohn von Irenicus die Katharinenpfründe gab, war für ihn die Einheit der Kirche nicht in Frage gestellt. Er meinte nur, wenn Philipp nicht Pfarrer werden wollte oder papistisch predigen wolle, müsse er das Geld zurückzahlen.

Dass Wolf mit seinem Vorgehen erfolgreich war, bezeugt ja die Geschichte. Bernhard Griebler ging als der Reformator Gemmingens in die Geschichte ein. Er hat dank der massiven Förderung durch seinen Ortsherren Gemmingen nachhaltig evangelisch geprägt.Über die formaljuristischen Gegebenheiten lässt sich trefflich streiten. Da die Reformation im lutherischen Bereich als innerkirchliche, inhaltliche, nicht formale Reformation gedacht war, also keine neue Kirche gegründet werden sollte, haben die Ritter, die die Reformation einführten auch zunächst keine Kirchenordnungen verfasst oder verfassen lassen. Sie hielten an den überkommenen kirchlichen Strukturen auch aus Eigeninteresse fest. Anders lief es bei der aus der Schweiz kommenden reformierten Reformation. Deshalb hat der reformiert geprägte Reformator Neckarbischofheims Nikolaus Renneisen schon 1525 dort eine neue Kirchenordnung eingeführt. Das ist aber ein anderes Kapitel.
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