So funktioniert die Leserhilfsaktion

Sozialarbeiterin Sigrid Pflanzer nimmt mit allen Hilfesuchenden Kontakt auf und ist Ansprechpartnerin für ihre Kollegen in den Sozialverbänden. Foto: Dennis Mugler
20 Beispiele, wie man ein Mensch in Not werden kann: Jedes Jahr von Mitte November bis Weihnachten beschreibt HSt-Redakteurin Ulrike Bauer-Dörr in 20 Zeitungsartikeln, wie mit Leserspenden ganz konkret geholfen werden kann. Ein Blick hinter die Kulissen der Aktion.

Ist es schwer, Fallbeispiele für eine Veröffentlichung in der Zeitung zu finden?
Ja. Wenn man Hilfesuchende fragt, wird fast immer spontan abgelehnt. Zu groß ist die Angst, erkannt zu werden und als jemand da zu stehen, der sich nicht selber helfen kann und Spendengelder braucht. Dafür schämt man sich. Viele fürchten Spott und Neid, dumme Bemerkungen und Unverständnis aus ihrer Umgebung. Menschen in Not wollen ihr Leid und ihre Lebensumstände nicht an die große Glocke hängen. Oft wären es genau die Beispiele, die unseren Lesern das Herz und den Geldbeutel öffnen würden.

Warum stimmen dann einige trotzdem der Beschreibung ihrer Notlage in der Zeitung zu?
Weil ihre Namen und Wohnorte nicht genannt werden und auch all jene Fakten nicht im Text vorkommen, die eine Person oder eine Familie eindeutig identifizieren würden. Meist sind die Notlagen noch viel komplizierter, komplexer und dramatischer als beschrieben.

Welche Rolle spielen die Sozialarbeiter in den Verbänden und Beratungsstellen in der Region?
Ohne sie würde die Spendenaktion nicht so gut funktionieren. Sie schlagen ja viele ihrer Klienten für finanzielle Hilfen aus dem Spendentopf vor. Sie wissen einerseits, dass nur dank dieser Zeitungsartikel die Spenden fließen. Andererseits würden sie am liebsten ihre eigenen Klienten vor einer Veröffentlichung bewahren und hoffen, dass ihre Kollegen vorpreschen. Auch die Redaktion möchte gerne Konstellationen beschreiben, die sich nicht all zu sehr ähneln. Die 20 Fälle, die am Ende in der Zeitung stehen, sind also mehrfach selektiert. Sie stehen trotzdem für viele hundert andere, denen mit dem eingehenden Geld geholfen werden kann.

Wie reagieren die Leser auf die Fallbeschreibungen?
Von Ausnahmen abgesehen, sehr positiv. Immer wieder rufen Leser spontan an und bieten „für die Frau heute in der Zeitung“ alle nur denkbaren Hilfen oder Sachspenden an, selbst wenn diese gar nicht im Text genannt waren. Alles wird von Redaktion und Sozialarbeitern vermittelt. Direkte Kontakte zu Menschen in Not werden in der Regel nicht hergestellt, auch wenn einige Leser das wünschen. Ab und zu drücken Anrufer auch vehement ihr Missfallen über die geschilderten Fallbeispiele aus und stellen klar: „Für so jemanden spend’ ich nix“.

Wer kann sich an die Leserhilfsaktion Menschen in Not wenden?
Jeder, der glaubt, dass er ein Mensch in Not ist, dem im Moment niemand sonst mehr helfen kann. Trotzdem trauen sich viele nicht, zum Telefonhörer zu greifen, ein Mail oder einen Brief zu schicken. Dann ist es gut, wenn es einen aufmerksamen Nachbarn, Kollegen oder Freund gibt. Manchmal schlagen Ärzte, Vermieter, Chefs oder gesetzlich bestellte Betreuer einen Hilfebedürftigen für eine Spende vor.

Was muss ein Mensch in Not von sich preisgeben?
Persönliche Angaben, sämtliche Einkommensarten, fixe Ausgaben, Schuldenstand, laufende Ratenzahlungen und eine Beschreibung, wie es überhaupt so weit kommen konnte. Viele schicken lange Briefe oder Mails. Sie legen ihr ganzes Leben, ihre Beziehungen, ihre Krankheiten dar. Anfragen von Sozialarbeitern sind dagegen faktenorientiert und professionell. Sie schlagen immer vor, was sie mit einer Leserspende für ihren Klienten machen würden.

Wie wird überprüft, ob die Leute nicht falsche Angaben machen?
Seit fast 30 Jahren spielt HSt-Sozialarbeiterin Sigrid Pflanzer hier eine wichtige Rolle. Sie nimmt zu jedem Hilferufenden, der sich an die Aktion wendet, Kontakt auf, bietet ein Gespräch an, macht Hausbesuche, checkt alle Unterlagen, vermittelt bei Bedarf an andere soziale Beratungsstellen oder sagt, welche Hilfen man noch beantragen kann. Und sie macht dem Verein Heilbronner Stimme / Aktion Menschen in Not einen Vorschlag, ob und wie viel Geld bereitgestellt werden soll. Die Höchstsumme ist übrigens immer drei-, niemals vierstellig.

Was ist besonders ärgerlich?
Wenn nur eine SMS oder eine Mail mit dem Wort „Hilfe“ kommt und dann noch eine Handynummer oder Kontonummer dabeisteht. Oder wenn ein Wust unsortierter Originalrechnungen und Kontoauszüge hergeschickt wird, ohne Rückporto. Das könnte man einerseits als Ausdruck großer Verzweiflung und Ratlosigkeit interpretieren, aber auch so: Jetzt seid ihr dran. Ich warte... Und am nächsten Tag wird schon angerufen und gefragt, ob man was zu erwarten hat.

Was zahlt die Aktion Menschen in Not nicht?
Oft werden wir gebeten, arme Verwandte im Ausland zu unterstützen. Das geht nicht. Wir bezahlen auch keine Maklergebühren oder Kautionen, das wären zu hohe Summen. Auch für alternative medizinischen Therapien, die die Krankenkasse ablehnen, können wir kein Geld setzen. Nur wer im Verbreitungsgebiet der Heilbronner Stimme/Hohenloher Zeitung und Kraichgau Stimme lebt, hat eine Chance.
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