Auf Schusters Rappen auf dem E5 über die Alpen

Kemptner Hütte im Morgenlicht
 
Sewisee nahe der Memminger Hütte
 
Blick von der Seescharte in Richtung Inntal
 
Mittelbergferner von der Braunschweiger Hütte aus gesehen
                                 Durch den Sperrbachtobel zur Kemptner Hütte

27. Juni 2018, früher Vormittag: bedeckter Himmel, vereinzelte skeptische Blicke- dann das Signal zum Aufbruch. Rasch lassen wir die knapp 1000 m hoch gelegene Spielmannsau südlich von Oberstdorf hinter uns. Schneller als gedacht beginnt der Aufstieg durch den Sperrbachtobel zur Kemptner Hütte. Bereits nach einer Stunde bekomme ich eine Ahnung davon, was mir in den nächsten 7 Tagen bevorsteht.
Als der feine Niesel in Dauerregen übergeht und in Sichtweite des auf 1844 m gelegenen Tagesziels die Oberschenkelmuskulatur schmerzt, frage ich mich, welcher Teufel mich geritten hat, die Alpenüberquerung in Angriff zu nehmen.
Frisch mit eiskaltem Wasser gewaschen, in trockenen Kleidern und mit einem heißen Pfefferminztee in der Gaststube sitzend, bessert sich meine Laune spürbar.

                                    Von der Kemptner zur Memminger Hütte

Am nächsten Tag starten wir in aller Frühe zum Mädelejoch auf 1974 m, dem Grenzübergang von Deutschland nach Österreich. Die Schmerzen in den Oberschenkeln sind wie weggeblasen. Der Dank geht an den jüngsten Teilnehmer unserer Wandergruppe, der mich am Abend zuvor mit einem Magnesiumpräparat versorgt hatte. Auf dem Mädelejoch genießen wir bei einer kurzen Rast den Blick auf die Lechtaler Alpen. Zunächst geht es über Geröll steil zur Roßgumpenalm hinab, dann auf breiteren Pfaden durch das Höhenbachtal über insgesamt 870 Höhenmeter nach Holzgau im Lechtal. Ehe wir in einem der vielen Gasthöfe Mittagsrast machen, steht mir noch eine Mutprobe beim Überqueren der 200 m langen Hängebrücke über die Höhenbachschlucht bevor.
Ausgeruht geht es mit einem Kleinbus bald vom Lechtal abzweigend auf einer holprigen Straße durch das wild-romantische Madautal bis zur Talstation des Lastenaufzugs zur Memminger Hütte. Vom Ausgangspunkt auf 1400 m Höhe steht uns wieder ein steiniger und kräftezehrender Aufstieg bevor. Die 840 Höhenmeter bis zur Memminger Hütte, auf 2242 m gelegen, bewältige ich erstaunlich gut. Bei sonnigem Wetter genießen wir den grandiosen Rundumblick auf die Lechtaler Alpen. Den Wagemutigen aus unserer Wandergruppe, die im nahe gelegenen unteren Sewisee baden, schließe ich mich jedoch nicht an.

                        Über die Seescharte und durch das Lochbachtal nach Zams


Nach einem wieder abwechslungsreichen Frühstück steigen wir am nächsten Tag in durchweg felsdurchsetztem Gelände auf dem schon von der Hütte aus einsehbaren Weg zur 2599 m hoch gelegenen Seescharte hinauf. Gut vorbereitet von unseren Guides überwinden wir sicher die etwas anspruchsvollere Passage kurz vor der Seescharte. Die Mühen werden belohnt mit einem fantastischen Gipfelrundblick über das Inntal.
Auch hier ist der gewaltige Abstieg ins Tal mit beinahe 2000 Höhenmetern steinig und teilweise beschwerlich. Doch die Aussicht auf eine Brettljause in der Unterlochalm treibt uns an. Das letzte Teilstück dieser Etappe oberhalb des Zammer Lochs, einer Schlucht zum Inn hin, ist ätzend. Landeck und Zams, unser Tagesziel, sind längst im Tal zu erkennen, doch der serpentinenreiche Weg im sonnendurchfluteten steilen Südhang will kein Ende nehmen. Der Mensch ist leidensfähig! Kühle Getränke und ein ordentliches Abendessen in unserer Herberge in Zams heben die Stimmung merklich.

                          Vom Inntal über Wenns zur Braunschweiger Hütte

Den vierten Tag gehen wir gemächlich an. Nach einem kurzen Fußmarsch zur Talstation der Venetbahn gleiten wir mit der Gondel auf 2208 m Höhe zum Krahberg hinauf. Über schmale Pfade auf dem Venetmassiv genießen wir den Blick ins Inntal tief unter uns und auf die Sonnenterrasse von Fiss und Serfaus.
Gestärkt verlassen wir die Larcher Alm und steigen nach Wenns hinab, wo uns ein Bustransfer nach Mittelberg die eintönige Wanderstrecke durch das Pitztal erspart.
Zur Braunschweiger Hütte, auf 2759 m gelegen, gibt es keine Aufstiegshilfe wie am Morgen. Abschnitt um Abschnitt, teilweise über Steinplatten, geht es die kapp 850 Höhenmeter zur Alpenvereinshütte hinauf. Dass wir uns in alpinem Gelände bewegen, verdeutlichen die wiederkehrenden Seilsicherungen und metallenen Aufstiegshilfen.
Routiniert geht inzwischen die Verteilung der Schlafplätze vonstatten. Rasch sind die Rucksäcke in den Mehrbettzimmern verstaut und die Hüttenschlafsäcke ausgebreitet.
Ist im Außenbereich der Blick auf den Mittelbergferner und die umliegende Bergkette bis hin zur Wildspitze, dem mit 3768 m höchsten Berg Nordtirols, ein Augenschmaus, so wird in der für unsere Wandergruppe reservierten Gaststube das Abendessen zum Gaumenschmaus.

                                         Über das Pitztaler Jöchl ins Ötztal

Und wieder heißt es am nächsten Morgen aus den Stockbetten herauszuklettern und die Rucksäcke zu packen, um nach dem Frühstück den alpinistisch anspruchsvollsten Teil der Tour in Angriff zu nehmen. Herausfordernde 237 Höhenmeter bis zum Pitztaler Jöchl liegen vor uns. Wenn auch das letzteTeilstück Mut verlangt, schaffen alle aus der Wandergruppe in 2996 m Höhe sicher den Übergang vom Pitz- zum Ötztal. Auf den noch schneebedeckten Hängen des Skigebiets von Sölden ist Vorsicht geboten, um nicht unvermittelt auf dem Hosenboden den Abhang hinunterzuschlittern. Zügig verlassen wir die im Sommer einer Mondlandschaft nicht unähnliche und unwirtliche Skiarena. Dafür entschädigten prächtige Ausblicke bei unserem Weg durch Lärchenwälder und über Bergwiesen das Auge und die Rast in der Löple Alm den Bauch.
Wieder einmal zeigt sich das bekannte Phänomen: Zwieselstein, das Übernachtungsziel vor Augen, will nicht näher kommen. Der Weg führt uns durch Wälder abwärts zur Straße durchs Venter Tal und leitet uns auf einer Pfadspur entlang der Venter Ache talauswärts.
Belohnt für unsere Mühen werden wir dieses Mal mit einem Drei- Sterne- Hotel mit Zweibettzimmern, Dusche/WC und einer üppig ausgestatteten Wellnessanlage.

                                         Übers Timmelsjoch zur Pfandler Alm

Soll uns das das reichlich aufgetischte Frühstücksbuffet am nächsten Tag Mut machen für einen schon vom Hotel ab heftigen Aufstieg zum Timmelsjoch? Inzwischen war aus der bunt zusammengewürfelten Wandergruppe ein eingeschworener Haufen geworden. Gut getaktet geht es mit den bis zu 10 Kilogramm vollgepackten Rucksäcken durch eine abwechslungsreiche Landschaft hinauf bis unterhalb der Passhöhe. Noch auf österreichischer Seite an der Timmelsbrücke holt uns ein Kleinbus ab und fährt uns die letzten Höhenmeter auf den höchsten Punkt des Passes hinauf.
Vorher werfen noch einige von uns einen Blick in einen begehbaren Würfel, der die Besucher in die abenteuerliche Welt des Schmuggels über das Timmelsjoch entführt.
Jetzt auf italienischer Seite verläuft der Weg steil abwärts durchs Timmelskar vorbei an schroffen Felsen und blühenden Almwiesen über gut 1050 Höhenmeter ins Passeiertal. Gewitterwolken haben sich bedrohlich zusammengebraut. Sie scheinen uns zu umrunden. Dennoch gelangen wir beinahe trockenen Fußes zum gemütlichen Berggasthof Rabenstein im gleichnamigen Ort, wo wir für unsere Ausdauer mit südtiroler Schmankerln belohnt werden. Auch der jetzt heftig einsetzende Gewitterguss kann uns nichts mehr anhaben. Ein Kleinbus bringt die Wandergruppe an St. Leonhardt vorbei das Passeiertal abwärts nach St. Martin, wo uns der letzte Aufstieg an diesem Tag steil bergan zu der auf 1.350 m gelegenen Pfandler Alm bevorsteht.
Auf dieser privaten Berghütte beziehen wir Quartier, und nach einem zünftigen Abendessen geht wieder ein erlebnisreicher Tag bei Zirbenschnapsrunden und Gesang mit Gitarrenbegleitung schon ein wenig wehmütig zu Ende.

                                              Über den Hirzer nach Meran

Wer geglaubt hat, der Weg von der Pfandler Alm zur Hirzer Seilbahn Bergstation
sei ein Kinderspiel, sieht sich bald eines Besseren belehrt. Noch einmal müssen 630 Höhenmeter durch schattige Wälder zur Riffelschulter überwunden werden. Im leichten Auf und Ab vorbei an Alpenrosenfeldern erreichen wir schließlich die Hirzerhütte. Ein aufkommendes Gewitter verkürzt die Rast dort etwas. Dafür erreichen wir die Bergstation Klammeben noch bevor der Himmel seine Schleusen öffnet. Mit der Fahrt hinab ins Tal nach Saltaus neigt sich die ereignisreiche Woche zu Ende. Der krönende Abschluss dann in Meran! Mitten im Zentrum unter freiem Himmel an einer langen Tafel lassen wir es uns bei Barbecue sowie umfangreichem Salat- und Vorspeisenbuffet und edlen Tropfen aus dem Hotel Europa Splendit gut gehen. Und voller Stolz nehmen wir die Urkunden, die unsere Alpenüberquerung dokumentieren, in Empfang. Ich selbst bin jetzt froh, trotz anfänglicher Schwächen durchgehalten zu haben.

                                                              Rückblick

Das Empfinden, das wir nach dieser an Höhepunkten reichen Woche verspüren, bringt eine Teilnehmerin aus unserer Wandergruppe treffend zum Ausdruck:
Dieser Weg, den wir gegangen sind, ist zu anstrengend, aufregend und bewegend, um ihn mit Fremden zu gehen. So seid Ihr alle mir keine Fremden geblieben. Das war schön.
Danke für die gemeinsame Zeit und alles Gute für all Eure nächsten Wege!



Tassilo Höllmann im Juli 2018
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