Hilferuf aus dem Kongo

Mörderbanden, Massenvergewaltigungen, zerstörte Dörfer: 800.000 auf der Flucht!

B u n i a / S i n s h e i m (tv). „Die Gewalt in den Regionen Djugu und Ituri ist eskaliert; die Menschen hungern, Hunderttausende benötigen Nahrung, Wasser, Medikamente und eine Bleibe. Uns droht eine Hungersnot.“ Vor mir sitzt der langjährige Kirchenpräsident der CECA20-Kirche (Evangelische Gemeinschaft im Zentrum Afrikas), Pastor Jean-Pierre Kokole aus Bunia. Der sonst ruhige, humorvolle 60-Jährige hat Tränen in den Augen, weil sich während seiner Deutschlandreise die Nachrichten aus seiner Heimat im Ostkongo überschlagen.
Pastor Kokole hat die vergangenen acht Jahre bis Mai 2019 die CECA20-Kirche mit beinahe 2.000 Ortsgemeinden geleitet. Sie sind verteilt auf zwölf Kirchenbezirke. Zu ihr gehören mehr als 100 medizinische Einrichtungen, darunter 13 Krankenhäuser, sowie 1.000 Kindergärten, Grund-, Mittel- und Berufsschulen, vier Hochschulen und Universitäten. Sie zählt bis zu zwei Millionen Gottesdienstbesucher; genau lässt sich das nicht sagen, weil zehn der zwölf Distrikte momentan von Kampfhandlungen und einer riesigen Flüchtlingswelle betroffen sind. Besonders schlimm ist es in der Provinz Ituri (3,6 Millionen Einwohner). Dort sollen inzwischen 800.000 Flüchtlinge Schutz gesucht haben, schätzen Hilfsorganisationen.
Der geistliche Leiter aus Afrika erzählt, dass Mörderbanden vom Westufer des Albertsees bis Djugu ihr tödliches Geschäft betreiben – wahrscheinlich angestachelt von Ölkonzernen, auch aus Europa. Eigentlich ist die Krisenregion die, in der die CECA20-Kirche am stärksten vertreten ist, sie hatte dort 105 Gemeinden mit 147 Pastoren und Vikaren. Viele Flüchtlinge gehören zu Kokoles Kirche. Was dort genau geschieht? Die Konzerne vermuten riesige Erdölvorkommen in der Provinz und destabilisieren sie bewusst von Ruanda und Uganda aus, um sich den größtmöglichen Teil dieses profitablen Kuchens zu sichern. Scheinbar lohnt sich das für die Auftraggeber, auch wenn deswegen unsägliches Leid über die Bevölkerung hereinbricht. Derzeit fördern sie nicht Öl, sondern Vertreibung und Völkermord.
Milizen, von solchen Auftraggebern mit modernsten Waffen ausgestattet, fallen nachts über die Dörfer her und gehen äußerst brutal zu Werke. „Sie zünden Hütten an, treiben Männer, Frauen und Kinder zusammen, die nicht schnell genug in den Busch entkommen konnten, und schlachten sie ab.“ Der langjährige Kirchenleiter findet nur stockend Worte, um die Gräuel zu beschreiben. „Diese Bewaffneten treibt die pure Mordlust“, sagt er. „Sie hacken Menschen mit Macheten bei lebendigem Leib die Gliedmaßen ab, am Schluss erst den Kopf.“ Blanker Hass, sinnloses Leiden, äußerste Brutalität. Als Kokole das Wort „Massenvergewaltigungen“ in den Mund nimmt, gehen auch mir für einen Moment die Fragen aus – zu nah rückt das Leid …
Die Mörderbanden stacheln durch ihre Überfälle ortsansässige Stämme gegeneinander auf, sodass sie aufeinander losgehen. Eine ganze Region versinkt im Chaos. Unzählige haben sich zu Fuß ins Umland von Bunia gerettet. Die Einwohnerzahl der Stadt und ihres Umlandes, bisher rund 650.000, ist inzwischen enorm angestiegen. Nachts kann man Schüsse aus den nur wenige Kilometer entfernten Bergen hören, so nah sind die Kämpfe herangerückt. Gemeinden der CECA20-Kirche haben in einem Gürtel um Bunia herum zehntausende Notleidende aufgenommen und versorgen sie so gut es geht mit ihren persönlichen Vorräten.
Die Hilfesuchenden übernachten in Kirchen, Schulen und bei Familien. Doch die Versorgungslage ist furchtbar. Es gibt kaum noch Essen und Trinkwasser. Masern, Polio, Malaria, Atemwegsinfekte und andere Krankheiten grassieren, auch Ebola und Aids. Die Menschen hungern. Dabei ist Regenzeit; die Ernte wäre reif! Die Gegend um Djugu, wo die meisten herkommen, ist die Kornkammer im Osten des Kongo. Von hier aus wird Bunia normalerweise mit Nahrung versorgt. Jetzt verrotten Bohnen, Gemüse und Reis auf den Feldern, weil die Dörfer entvölkert sind. So breitet sich Hunger auch auf die Nachbargebiete aus.
„Uns erwartet eine Hungersnot“, befürchtet der afrikanische Theologe. Selbst die großen Hilfsorganisationen zeigen sich überfordert und geben keine Nahrung mehr aus. Menschen verzweifeln. Pastor Kokole erzählt von einer Frau aus einem Flüchtlingslager, die aus Hunger entschieden hat: „In meinem Dorf gibt es Nahrung im Überfluss – ich geh jetzt heim und ernte.“ Sie wurde von Terroristen getötet, wie so viele in diesen Tagen. Er berichtet von Freunden, die umgebracht wurden: ein Pastor mit seiner Tochter; Studienkollegen; ein Direktor und mehrere Lehrer kirchlicher Schulen. „Mich erfasst tiefe Trauer, wenn ich daran denke“, sagt er. „Unsere Leute sterben keinen normalen Tod, die Mörder kommen und zerstückeln ihre Opfer bei lebendigem Leib!“ Per WhatsApp hat er eben erfahren, dass ein Ehepaar, das er als Pastor getraut hat, umgebracht worden ist.
Besonders berührt ihn die Not der vielen geschändeten Frauen. „Sie wagen es nicht, ihren Männern zu erzählen, was passiert ist. Die würden sie sofort verlassen.“ Vergewaltigung ist immer noch ein Tabu. Betroffene bleiben alleine mit ihrem Schmerz, das Thema liegt wie ein Schatten über dem ganzen Land. Kirchliche Seelsorger versuchen zu helfen. Das Erste ist immer, die Frau in die nächste Klinik zu bringen, weil Medikamente gegen Aids nur in den ersten Tagen wirken. Der zweite Schritt ist, dass ihnen Krankenhausseelsorger aus der Isolation heraus helfen und sich kompetent um sie kümmern. Kokoles Kirche bildet die Seelsorger aus. „Und wir reden in unseren Ortskirchen über das Thema.“ Es macht dankbar, wie seine Kirche trotz ihrer prekären Situation hilft.
Die CECA20 hat massiv unter den Angriffen auf die Region Djugu gelitten. Kirchen und Schulen sind niedergebrannt, kirchliche Krankenhäuser mussten evakuiert werden. Dennoch kümmert sie sich um Notleidende. Ortsgemeinden informieren die Mutterkirche, wenn sie Flüchtlinge aufgenommen haben, was sie benötigen. Dann wird zum Spenden von Reis, Bohnen, Kleidern und Schulheften aufgerufen und diese dorthin verbracht – oft auf gefährlichen Wegen. „Wir helfen allen“, betont Kokole, „egal welcher Stamm und welche Religion“.
Eine Gemeinde hat kürzlich 36 Schwangere aufgenommen. Jede Gruppe in der Kirche – Älteste, Chöre, Frauen- und Jugend – hat einen Teil der Frauen versorgt. Mitten in Not schenkt Gott Zeichen der Hoffnung. Die Probleme treiben die Menschen in die Kirchen, erklärt Pastor Kokole. Die Christenheit im Kongo wächst. In einer Gemeinde kamen 800 neue Gläubige in den Taufunterricht, 300 davon ließen sich an einem Tag taufen. „Unser Pastor wusste nicht mehr, wie er mit den vielen Leuten im Taufunterricht umgehen sollte“, schmunzelt der afrikanische Kirchenleiter.
Besonders wichtig ist ihm, dass Kinder auf der Flucht weiterhin Zugang zu Schrift und Bildung haben. Sein Verband legt einen Schwerpunkt auf Unterricht für Flüchtlingskinder und die Ausbildung neuer Lehrer. Sobald eine Klasse in einem Dorf zu groß wird, dürfen sie eine neue eröffnen. Wird ein weiteres Klassenzimmer benötigt, besorgt die Kirche das teure Wellblechdach – gebaut wird das Haus von den Dorfbewohnern.
Interessant die Reaktion des sympathischen Afrikaners auf die Frage, wie er angesichts von so viel Brutalität noch glauben kann? „Diese Dinge sind in der Bibel vorhergesagt“, erklärt er mir. „Wir wissen, dass die Leute sich gegenseitig hassen werden und die Liebe erkaltet.“ Die CECA20 hält an Jesus Christus und seiner Liebe fest: „Wir dürfen uns nicht dem Geist der Rache verschreiben“, betont der Theologe. Sie leben Vergebung in einer Situation, in der das an sich schon ein Wunder ist. „Wir brauchen euer Gebet“, bittet Pastor Kokole die Christen in Europa. „Und Spenden für Lebensmittel, um Flüchtlinge zu versorgen.“

Von Theo Volland,
Chefredakteur der DMG
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