Letzter Begleitvortrag widmete sich Hildegard von Bingen

  Güglingen: Römermuseum |

Unter dem Titel „Hildegard von Bingen: Christliche Naturheilkunde im Spiegel ihrer antiken Grundlagen“ nahm die begleitende Vortragsreihe zur Sonderausstellung „Göttliche Pflanzen: Antike Mythologie. Christentum. Islam.“ des Güglinger Römermuseums ihren Abschluss. Wie Museumsleiter Enrico De Gennaro bei seiner Begrüßung herausstrich, sollte sich dieser dritte Vortrag nun stärker dem heilkundlichen Aspekt von Pflanzen widmen in ihrem Beziehungsfeld zwischen Antike, Christentum und islamischer Welt.



Der Referent Frank Merkle machte die Zuhörer zunächst mit den Grundlagen der antiken Medizin vertraut. Hierbei ging er nicht nur auf die bedeutendsten Ärzte dieser Zeit wie Hippokrates oder Galenos ein, sondern stellte vor allem die Bedeutung der damals vorherrschenden Viersäftelehre heraus: Demnach glaubte man, dass im menschlichen Körper vier Säfte im Einklang miteinander stehen würden – Blut, Schleim, schwarze und gelbe Galle. Bei Erkrankungen aller Art nahm man somit das Ungleichverhältnis dieser Säfte als Hauptursache an, die es mit diätetischen Maßnahmen, aber auch mithilfe von Heilmitteln zu bekämpfen galt.
Obwohl aus diesem Zusammenhang auch Maßnahmen wie der Aderlass abgeleitet wurden, der aus heutiger Sicht als kritisch bis geradezu fatal betrachtet werden muss, so hatte die antike Medizin durchaus auch positive Seiten: Vor allem im Bereich der Prävention gab es zahlreiche wertvolle Ansichten auf Basis der Maßhaltung. Zudem wurden Wirkungen verschiedener Heilmittel erkannt und schriftlich festgehalten.

Anschließend zeigte Merkle auf, warum das medizinische Wissen in der Spätantike vor allem im Abendland verloren ging und warum es gerade arabische Gelehrte waren, welche die antiken Kenntnisse nicht nur bewahrten, sondern auch weiterentwickelten. Hierbei hob er den in Bagdad um das Jahr 900 praktizierenden Arzt Avicenna hervor.
Für Mitteleuropa zur Zeit Hildegards, dem 11. Jahrhundert, spielte die Medizinschule von Salerno bei der Vermittlung antiken Wissens eine große Rolle. Gerade in Süditalien existierten damals noch Griechisch-Kenntnisse und zudem war dort der Einfluss der in jener Zeit in allen wissenschaftlichen Bereichen überlegenen Araber vorhanden. Bei der Weitergabe des antiken und arabischen Wissens nach Mitteleuropa dürfen aber auch Impulse aus der damals weitgehend unter arabischer Kontrolle stehenden iberischen Halbinsel nicht unterschätzt werden. Jedenfalls ist zu vermuten, dass die reisefreudige und sicherlich auch mit Klosterbibliotheken andernorts vertraute Äbtissin vom Rupertsberg die wichtigsten antiken Schriften zur Medizin kannte, möglicherweise sogar die arabischen.

Einen weiteren Schwerpunkt des Vortrags bildeten die wichtigsten Ereignisse im Leben der 2012 heiliggesprochenen Hildegard von Bingen. Beachtlich war hierbei vor allem die unerschrockene Kritik einer Frau zur damaligen Zeit gegenüber Päpsten und ihrem Kaiser Friedrich Barbarossa, was sich mit mehreren Zitaten aus den von ihr erhaltenen Briefen belegen ließ.

Der anschließende Vergleich von fünf verschiedenen pflanzlichen Heilmitteln, die als solche sowohl von antiken Autoren als auch von Hildegard beschrieben wurden, zeigte deutlich: Während von Hildegard beispielsweise die Anwendung der Schafgarbe als Wundheilmittel oder des Alants als Hustensaft mit hoher Wahrscheinlichkeit aus der antiken Überlieferung übernommen worden ist, scheint ihre Empfehlung hingegen deutlich auf mittelalterlichem Kräuterwissen oder auf Eigenerfahrung zu gründen.

Abschließend zog Merkle das Fazit, dass zahlreiche Empfehlungen Hildegards zur Prävention durchaus als sinnvoll zu betrachten sind, auch wenn sie diese auf Basis der heute als wiederlegt zu betrachtenden antiken Viersäftelehre gibt. Immer dann, wenn es der Äbtissin darauf ankommt, die vier Körpersäfte im Gleichgewicht zu halten, gibt sie wertvolle Ratschläge, die man auch unter den Aspekt der Maßhaltung oder Ausgewogenheit setzen könnte. Vor allem aber stellt sie den Aspekt der Psychosomatik in den Vordergrund ihrer Krankheitsbeobachtung und -behandlung. Die Wirkung der psychischen Verfassung eines Kranken auf dessen Gesundung ist bei ihr in starkem Maß mit unerschütterlichem katholischem Glauben, aber auch mit einer positiven Einstellung zum Leben an sich verbunden.
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