Generalistische Pflegeausbildung: Die Vor- und Nachteile im Überblick

 

Bereits seit letztem Jahr ersetzt die Ausbildung zum Pflegefachmann bzw. zur Pflegefachfrau die bisherigen Ausbildungsgänge. Die Generalisierung jener Phase, in der sich Menschen auf den Beruf vorbereiten, soll gegen den Mangel an Fachkräften helfen. Mit den Veränderungen kommen jedoch nicht nur Vorteile ans Licht. Ein Überblick zeigt die Sonnen- und Schattenseiten der generalistischen Pflegeausbildung.

Vorteil #1: Mehr persönliche Entfaltungsmöglichkeiten

Die neue Pflegeausbildung ermöglicht es den Lernenden, sich nicht sofort nach der Schule für einen spezialisierten Weg entscheiden zu müssen. Sie können zunächst die Ausbildung beginnen und lernen allgemeine Inhalte rund um die Pflege. Während dieser Zeit wird Wissen vermittelt, das unabhängig von Fachbereichen essenziell für Pflegekräfte ist. Im Rahmen von Pflichteinsätzen während der Ausbildung erfahren die Auszubildenden dann, welcher Bereich ihnen besonders liegt. Dies sorgt für mehr Zufriedenheit im späteren Job.

Darüber hinaus ist ein spezialisierter Abschluss nicht zwingend erforderlich. Wer möchte, schließt die Ausbildung mit dem Titel „Pflegefachfrau/-mann“ ab und bleibt ein Berufsleben lang flexibel. So können ausgebildete Pflegekräfte beispielsweise in der Kinderpflege starten und sich später für den Einsatz in einem anderen Fachbereich entscheiden. Die generalistische Pflegeausbildung schafft also vor dem Hintergrund sich verändernder Interessen und Bedürfnisse eine entwicklungsfördernde Basis.

Vorteil #2: Bessere Jobchancen, besserer Verdienst

Wie bereits erwähnt ist es möglich, keinen spezialisierten Titel nach der Ausbildung zu tragen. Dies birgt insofern Vorteile, als dass sich die Wahlmöglichkeiten auf dem Stellenmarkt vervielfachen. Arbeitssuchende können theoretisch in der Altenpflege, in Kliniken, Arztpraxen und überall dort arbeiten, wo Pflegefachkräfte benötigt werden. Dies eröffnet zudem bessere Chancen, später individuell aufzusteigen. Ist für eine höhere Position ein Bereichswechsel notwendig, führt dies bei dem Abschluss „Pflegefachfrau/-mann“ nicht zu Schwierigkeiten mit der fachlichen Qualifikation.

Wie hoch der Verdienst dabei später einmal klettert, ist natürlich individuell. Nach der Ausbildung beläuft sich das Gehalt einer/s Pflegefachfrau/-manns aber auf etwa 2.300 bis 2.800 Euro brutto monatlich. Mit steigender Berufserfahrung und eventuell auch wachsender Verantwortung im Betrieb, kann sich im Laufe der Karriere ein ansehnliches Plus ergeben. Gut ist ferner, dass Pflegekräfte künftig verpflichtend nach Tarif bezahlt werden. Dies bedeutet für viele Arbeitnehmer auf dem Gehaltszettel einen Sprung nach oben.

Ebenfalls interessant hinsichtlich der Chancen auf dem Arbeitsmarkt: Die generalistische Ausbildung in der Pflege ist in der gesamten EU anerkannt. Es ist folglich sogar möglich, im Ausland zu arbeiten, ohne vorab einen Prüfungs- und Qualifikationsprozess durchlaufen zu müssen.

Gut zu wissen: Wer noch nach dem alten System ausgebildet wurde, behält seinen Jobtitel. Ein Wechsel zur Bezeichnung „Pflegefachfrau/-mann“ ist nicht möglich (siehe Übergangsregeln zum Pflegeberufegesetz des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend).

Vorteil #3: Ausbildung ist keine Kostenfrage mehr

Bislang mussten Auszubildende in der Pflege mitunter tief in die Tasche greifen. Wer die Ausbildung an einer privaten Pflegeschule absolvierte, zahlte üblicherweise ein regelmäßiges Schulgeld. Diese Praxis findet mit dem neuen Gesetz nun ein Ende. Für alle Auszubildenden in der Pflege ist die Zeit des Lernens im Rahmen der neuen Ausbildung nicht mehr mit wiederkehrenden Gebühren verbunden und es gibt ein geregeltes Ausbildungsgehalt. Die Pflegeeinrichtungen, Kliniken und das Bundesland kommen für die zusätzlichen Kosten auf.

Hierdurch öffnet sich der Ausbildungsweg auch für jene, die bisher aus finanziellen Gründen verzichten mussten. Weiterhin zu den persönlichen Investitionen gehören selbstverständlich Fachliteratur und Hilfsmittel.

Nachteil #1: Anspruchsvollere Voraussetzungen können abschrecken

Mit der generalistischen Pflegeausbildung ändern sich auch die Zugangsvoraussetzungen. Gefordert ist inzwischen wenigstens der mittlere Schulabschluss. Dies entspricht zehn Schuljahren. Wer einen Hauptschulabschluss vorweisen kann, darf nun nicht mehr sofort mit der Ausbildung beginnen, sondern muss zunächst den Titel „Pflegehilfskraft“ tragen.
Der Ausbildung zum Pflegefachmann oder zur Pflegefachfrau geht folglich eine weitere voraus. Das könnte in einigen Fällen als nachteilig erachtet werden. Gut ist allerdings, dass die in die erste Ausbildung investierte Zeit auf dem späteren weg zur Pflegefachfrau bzw. zum Pflegefachmann anrechenbar ist. Erste Stimmen berichten jedoch, dass sich die Inhalte der neuen Ausbildung erschweren. Dies resultiert aus der Verschmelzung mehrerer Fachbereiche und könnte durchaus abschreckende Wirkung haben.

Nachteil #2: Risiko für Abwanderung aus einzelnen Bereichen

Dass Pflegefachkräfte in Zukunft flexibel entscheiden können, in welchem Fachbereich sie tätig sein möchten, könnte einzelne Einrichtungen und Sparten benachteiligen. Das vor allem, wenn sich deutliche Unterschiede in der Bezahlung zeigen. Dann könnte beispielsweise eine Abwanderung aus der Altenpflege den ohnehin bestehenden Personalmangel noch verschärfen. Hier bleibt die Frage, ob das neue Gesetz die Situation verbessert, weiterhin offen.

Der Mangel an Pflegekräften ist in Deutschland nicht nur jetzt, sondern auch in der Zukunft relevant. Wie das Institut der deutschen Wirtschaft prognostiziert, könnten bis 2035 mehr als 307.000 Fachkräfte fehlen. Dies entspräche einer Versorgungslücke von rund einer halben Million Fachkräften in weniger als 15 Jahren.

Dabei ist in diesen Tagen immer wieder zu hören, dass sich die Anzahl der Pflegekräfte in Deutschland während der vergangenen Jahre erhöht hat. Dies scheint den pessimistischen Prognosen nur im ersten Moment zu widersprechen. Experten der Agentur für Arbeit nämlich merken außerdem an, dass durch den Fortschritt der Medizin und das höhere Durchschnittsalter der Bevölkerung ein Mehrbedarf entsteht.

Nachteil #3: Möglicher Verlust inhaltlicher Tiefe

Die Verbreiterung der inhaltlichen Basis in der neuen Ausbildung besorgt Experten. Aufgrund der Tatsache, dass mehrere Fachbereiche zusammengefasst werden, die Ausbildungsdauer jedoch nicht anwächst, bleibt für jedes einzelne Gebiet rein rechnerisch weniger Zeit. Viele befürchten daher, dass sich die Ausbildung vermehrt an der Oberfläche bewegen und deshalb seltener fachspezifisch in die Tiefe gehen wird.

Dies könnte dazu führen, dass Pflegekräfte nach der Ausbildung kaum über spezielle Kenntnisse verfügen. Dies kann im Hinblick auf die deutlichen Unterschiede allerdings problematisch sein. Hiervon betroffen ist vor allem jener Bereich, in dem es um eine Pflege geht, die sich auf Kinder und Senioren spezialisiert. Zwei Drittel der Ausbildung beziehen sich nicht hierauf.

Nachteil #4: Drohender Mangel von Anerkennung in der Altenpflege

Abgesehen von der Abwanderung aus finanziellen oder persönlichen Gründen könnte die Altenpflege einem weiteren Risiko ausgesetzt sein. Weil im Rahmen der generalistischen Pflegeausbildung im letzten Drittel Vertiefungsmöglichkeiten geboten werden und deren Wahl den Verzicht auf Flexibilität bedeutet, könnte das Berufsbild „Altenpfleger/-in“ an Attraktivität verlieren.

Kurzum: Wer sich für die Spezialisierung im Bereich der Altenpflege entscheidet, darf sich am Schluss nicht Pflegefachmann oder Pflegefachfrau nennen. Hiermit verbunden ist nicht nur der Wegfall beruflicher Flexibilität, sondern auch der Anerkennung innerhalb der EU. Gleiches gilt für den Abschluss „Gesundheits- und Kinderkrankenpfleger/-in“. Experten sehen diese Einschränkungen kritisch, denn sie suggerieren eine gewisse Minderwertigkeit der Ausbildung, obwohl sich diese weitestgehend mit der zum Pflegefachmann bzw. zur Pflegefachfrau deckt.

Fazit: Gute Ideen, aber nicht nur Glanzmomente

Letztlich zeigt sich, dass die generalistische Pflegeausbildung in einigen Bereichen Vorteile mit sich bringen kann. Diese betreffen in erster Linie die berufliche Flexibilität und Verdienstchancen. Risiken wie eine fehlende inhaltliche Tiefe und die Abwertung der spezialisierten Formen sollten jedoch nicht ignoriert werden.

Das gilt insbesondere vor dem Hintergrund, dass die Altenpflege in Deutschland vom Fachkräftemangel besonders getroffen wird. In einer immer älteren Gesellschaft mit steigendem Pflegebedarf ist es wichtig, dass eine fachspezifische Ausbildung entsprechend Anerkennung erhält.
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