Flächenverbrauch in der Region darf so nicht weitergehen

Wenn immer weiter Boden versiegelt und überplant wird, dann wird dies die Klimakrise und das Artensterben weiter befeuern. Es wird höchste Zeit, bei Regional- und Bauleitplanung umzudenken! (Foto: pixabay.com)

Klimakrise und Artensterben, diese zwei Umweltprobleme und ihre Folgen sind längst ins Alltagsbewusstsein gedrungen. Doch mit ihnen verwoben ist noch ein weiterer zentraler Problemkreis: der Flächenverbrauch. Für den BUND Regionalverband Heilbronn Franken und den NABU Heilbronn gehören alle weiteren Planungen dringend auf den Prüfstand, um die Region angesichts der Erderhitzung klimafest zu machen.

(Heilbronn, 31.01.2022) Das Problem-Trio Klimakrise-Artensterben-Flächenverbrauch befeuert sich selbst: Mit der boomenden Überplanung der Böden schwinden nicht nur Lebensräume unzähliger Arten. Ebenso gehen zentrale Flächen für die Landwirtschaft, die Kaltluftproduktion, die Wasserbindung und die CO2-Speicherung verloren, die für die Sicherung einer lebenswerten Zukunft dringend benötigt werden. Und zwar hektarweise. „Selbst wenn gemäß neuem Koalitionsvertrag „nur“ 2,5 Hektar pro Tag für Wohngebiete, Gewerbegebiete oder Straßen überplant werden, sind dies über 9 Quadratkilometer jährlich – das wäre so als ob jedes Jahr die Gesamtfläche von Abstatt verschwinden würde“, so Andrea Hohlweck, Regionalgeschäftsführerin des BUND Heilbronn-Franken. Derzeit läge der Flächenfraß aber noch deutlich höher. „Alleine im Landkreis Heilbronn wurden in den letzten zwei Jahren Hunderte Hektar Boden, verplant, abgeschoben, überbaut und versiegelt“, bestätigt auch Britta Böhringer-Retter vom NABU Heilbronn. Zum Tag des Bodens Anfang Dezember hatten beide Umweltschutzorganisationen exemplarische Beispiele aktueller Planungsverfahren im Stadt- und Landkreis gesammelt und kamen dabei bereits auf rund 250 Hektar – die realen Zahlen im Kreis liegen deutlich höher.

Gefragt: Neue Wohnkonzepte für alternde Bevölkerung

Ein Grund für den boomenden Flächenverbrauch sei §13b des Baugesetzbuches, der die schnelle Ausweisung von Neubaugebieten von bis zu 10.000 qm im direkten Siedlungsanschluss ohne Umweltbericht und Ausgleichsmaßnahmen ermöglicht. „So schossen zahllose Einfamilienhaus-Siedlungen wie Pilze aus dem Boden. Die Natur hatte das Nachsehen. Das ist nicht nur mit Blick auf die Klimakrise eine zu kurzsichtige Planung. Es geht auch an der demografischen Entwicklung und sozialen Realität vorbei“, so Hohlweck. Während 1970 nahezu jeder dritte Einwohner jünger als 20 Jahre war, ist es heute nicht einmal jeder Fünfte. Demgegenüber ist der Anteil der über 65-Jährigen in Baden-Württemberg im gleichen Zeitraum von 12 auf 20 Prozent gestiegen. Laut Statistischem Landesamt wird sich die Zahl der Ü65-Jährigen bis 2030 nochmals um fast ein Viertel erhöhen. „Wir brauchen also nicht immer mehr Einfamilienhäuser für die gehobene Mittelschicht im Außenbereich, die wiederum teure Infrastruktur und noch mehr Individualverkehr nach sich ziehen. Wir brauchen barrierefreie, kleinere Wohnformen für ältere Menschen in attraktiven Siedlungszentren, dazu die klimafeste, geförderte Sanierung von Bestandsimmobilien für Familien, attraktivere Siedlungskerne und auch günstigeren Wohnraum für Geringverdiener.“ Generell steht für die Natur- und Umweltschutzverbände fest: Noch mehr Flächenverbrauch und -versiegelung könne man sich auch in der Region nicht leisten, sonst riskiere man die Lebensqualität in naher und ferner Zukunft.

„Stadt- und Landkreis Heilbronn zählen zu den Landkreisen in Baden-Württemberg, die in einer Studie des Umweltministeriums zur Klimaanpassung schon in der Periode 2021-2050 wegen Hitzebelastungen und Wärmeinseleffekten in Verdichtungsräumen als hoch vulnerabel eingestuft werden. Das bedeutet auch eine deutlich erhöhte Gesundheitsgefahr für ältere Menschen, Kranke und kleinere Kinder“, erläutert die BUNDGeschäftsführerin. Die Stadt- und Raumplanung müsse endlich alle Instrumente zu Klimaanpassung und -schutz auf Landes-, Regional- und Kommunalebene ausschöpfen. Dazu gehöre auch die Minimierung der Inanspruchnahme von Flächen.

Kritik an KI-Zentrum

So wie den Lidl Campus in Bad Friedrichshall zuvor, sehen die Umweltverbände deshalb auch das auf ca. 23 Hektar geplante KI Zentrum in Heilbronn-Neckargartach sehr kritisch. „Die Kaltluftproduktionsrate einer Stadt liegt bei Null, die von Freiland bei 10-20 Kubikmeter pro Quadratmeter in einer Stunde! Wenn eine so große Freifläche wegfällt, bringt dies klimatische Verschlechterungen mit sich“, mahnt die BUND-Vertreterin. „Fallen noch mehr Kaltluft produzierende Flächen weg und werden noch mehr Kaltluftschneisen an den Siedlungsrändern zugebaut, werden die Städte der Region zu Backöfen.“ Auch für den Wasserhaushalt seien offene Böden ein wesentlicher Faktor: Sie nehmen Regenwasser rasch auf, speichern große Wassermengen und sind zentral für die Grundwasserneubildung. „Ganz zu schweigen von der Landwirtschaft. Für das KI Zentrum würden Ackerflächen hoher Güte wegfallen. Das ist für die lokalen Landwirte kaum zu ersetzen“, so Böhringer-Retter. Werde das 100-Millionen-Projekt so realisiert, dann sei dies auch das Ende der dortigen lokalen Population der vom Aussterben bedrohten Rebhühner. Schon im dritten Jahr konnten auf der Fläche drei Reviere der Bodenbrüter bei Begehungen nachgewiesen werden. Die Heilbronner NABU-Vorsitzende weiter: „Da das Land andernorts Projekte zum Rebhuhn-Schutz finanziert, erwarten wir, dass auch hier der Artenschutz ernst genommen wird.“ Angesichts des Trends zum dezentralen Arbeiten hält es ihre Mitstreiterin auch für fraglich, ob so groß dimensionierte Büroprojekte tatsächlich noch zeitgemäß seien. „Eine Suche auf Online-Immobilienportale zeigt, dass derzeit in Neckargartach zahlreiche Büro- und Gewerbegebäude offeriert werden. Warum also nicht kleiner denken und Bestandsimmobilien in die Planung einbeziehen?“

Wenn das KI-Zentrum denn kommen soll, dann erwarten die Verbände, dass es so umweltverträglich, klimafest und nachhaltig wie irgend möglich gestaltet wird - von oben bis unten. Dach- und Fassadenbegrünung, Photovoltaik-Anlagen, maximale Energieeffizienz, Vogelschutzglas, naturnahe WasserRetention und eine insekten- und tierfreundliche Grünflächengestaltung und -lichtkonzeption seien dabei ebenso gesetzt wie ein zukunftsgerechtes Mobilitäts- und Radverkehrs-Konzept. Flächenfraß für Individualverkehr sei nicht mehr akzeptabel.

Quellen:
https://um.baden-wuerttemberg.de/fileadmin/redaktion/m-um/intern/Dateien/Dokumente/4_Klima/Klimawandel/Anpassungsstrategie.pdf

https://www.demografie-portal.de/DE/Fakten/bevoelkerung-altersstruktur-baden-wuerttemberg.html
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4 Kommentare
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Magnus Diller aus Oedheim | 02.02.2022 | 18:53  
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Magnus Diller aus Oedheim | 02.02.2022 | 18:54  
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BUND Regionalverband Heilbronn-Franken aus Heilbronn | 03.02.2022 | 17:30  
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Magnus Diller aus Oedheim | 04.02.2022 | 05:19  
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