Wird der Streuobstanbau bald Immaterielles Kulturerbe der UNESCO?

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Streuobstwiesen gehören bislang zum typischen Landschaftsbild der Region - sorgen wir alle miteinander dafür, dass dies so bleibt (Foto: pixabay.com)
 
Der kleine Steinkauz ist einer der typischen Vertreter des Ökosystems Streuobstwiese. Ohne sie ist die seltene Eule vom Aussterben bedroht (Foto: pixabay.com)

Die breiten Streuobstgürtel um Dörfer und Städte waren früher vielerorts prägend für das Landschaftsbild. Sie müssen aber immer mehr Straßen-, Wohn- und Gewerbegebieten weichen. Nun hat der Verein Hochstamm Deutschland, bei dem auch BUND und NABU Mitglied sind, bei der UNESCO den Antrag auf Anerkennung des Streuobstanbaus als Immaterielles Kulturerbe eingereicht. 

Noch gilt Baden-Württemberg als das europäische Streuobst-Mekka. Noch. Doch laufen die massive Flächenversiegelung und ausufernde Bebauung weiter, werden Streuobstwiesen in geschätzt 30 Jahren auch bei uns Geschichte sein. Angesichts des Artensterbens eine alarmierende Prognose. Denn Streuobstwiesen sind von unschätzbarem Wert für die Biodiversität: Mit rund 5.000 Tier- und Pflanzenarten zählen sie zu den wenigen verbliebenen Hotspots der Artenvielfalt. Nun hat der Verein Hochstamm Deutschland, bei dem auch BUND und NABU Mitglied sind, bei der UNESCO den Antrag auf Anerkennung des Streuobstanbaus als Immaterielles Kulturerbe eingereicht.

Bio-Plantagenobst lässt Preise sinken

Das Land Baden-Württemberg hat im April 2020 die Unterstützung de Antrags zugesagt. Im März steht nun auf Bundesebene die Entscheidung der Kultusministerkonferenz an. Mit hoffentlich positivem Ausgang, denn die Aufwertung durch das UNESCO-Siegel ist dringend nötig: Wegen sinkender Preise für Bio-Mostobst sind die Streuobstbestände im Land nun zusätzlich gefährdet. Grund dafür ist der seit 2014 ausgeweitete Anbau von Bio-Obst in Plantagen im europäischen Ausland und am Bodensee. Das billigere Plantagen-Bioobst bringt derzeit die Abnehmerpreise für Bio-Mostobst aus Streuobst in Deutschland stark unter Druck.

Vielfältiger Lebensraum statt Plantage

Höchste Zeit, den ökologischen Mehrwert der Streuobstwiesen herauszustellen: Die Streuobstwiese unterscheidet sich stark von der maschinell leicht zu bewirtschaftenden Plantagenkultur mit ihren niedrigen, eng aneinander gepflanzten, meist jungen Bäumchen - häufig ertragreiche, moderne Sorten. Auf der Streuobstwiese finden sich dagegen oft viele Jahrzehnte alte, verstreut stehende Obstbäume verschiedener alter, heimischer Sorten. In den dicken Stämmen und Ästen alter Bäume können Spechte Höhlen anlegen, die wiederum von vielen anderen, u. a, geschützten Arten wie z. B. Hornissen, Fledermäusen oder Siebenschläfer genutzt werden: Die Insektenvielfalt im Totholz der alten Bäume und der Wiese lockt wiederum zahlreiche Brutvogelarten an. Typischer Vertreter der Streuobstwiese ist der seltene, kleine Steinkauz, eine Eulenart. Igel, Marderarten, Fuchs und Hase sind hier ebenso daheim. Auch die Pflanzenvielfalt der Mager-Mähwiese ist herausragend.

Mehr Unterstützung für großen Einsatz

Doch die aufwändige Baumpflege der großkronigen, hohen Bäume verlangt Sachverstand, die Ernte ist mühsam – dieser Einsatz für den Erhalt der biologischen Vielfalt für uns alle muss dringend besser honoriert werden. „Die Auszeichnung als Immaterielles Kulturerbe wäre eine wichtige Anerkennung für alle Menschen, die sich im Streuobstbau engagieren, und für das Land eine Verpflichtung, sich besser als bisher um die Streuobstbestände zu kümmern“, so Almut Sattelberger, Streuobstexpertin des BUND Baden-Württemberg. Zwar hat das Land Baden-Württemberg mit dem Biodiversitätsstärkungsgesetz Mitte 2020 Streuobstwiesen über 1.500 qm unter Schutz gestellt – finanziell muss sich der Einsatz aber auch lohnen. Hier sind weitere Hilfen nötig.

Verbraucher*innen entscheiden mit

Aber auch wir Verbaucher*innen können helfen: Indem wir beim Einkauf auf Bio-Säfte aus regionalem Streuobstanbau setzen. Dies sei auch Allergiker*innen geraten, denn oftmals wird das Obst der alten heimischen Streuobstsorten von ihnen viel besser vertragen, als das moderner Züchtungen. Wer die Streuobstbestände in der Region direkt unterstützen möchte, der kann z. B. zu "Steinkauz-Säften" greifen. Hinter dem Steinkauz-Streuobst-Projekt (steinkauz-projekt.de) stehen u.a. BUND- und NABU-Gruppen aus der Region und viele regionale Streuobstvereine. Die Säfte sind nicht nur streng BIO-zertifiziert, sondern tragen jetzt auch das FairChoice-Siegel des Deutschen Instituts für Nachhaltige Entwicklung (DINE, Uni Heilbronn). Das erhalten nur Produkte, die garantiert ökologisch verträglich, sozial gerecht und wirtschaftlich tragfähig produziert worden sind.
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Anneliese Herold aus Oedheim | 16.02.2021 | 16:13  
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