Sind Atomkraft und Erdgas nachhaltig?

Von den Rissen in den Dampferzeugerrohren im AKW Neckarwestheim geht ein hohes Risiko aus
 
Rund 40 Prozent des in Deutschland verbrauchten Gases gehen auf das Konto von Warmwasser und Heizung in Gebäuden. Der Großteil der Gebäude in Deutschland wurde errichtet, bevor es nennenswerte Anforderungen an die Energieeffizienz gab. Das Potenzial für Energieeinsparungen ist dementsprechend hoch. (Foto: pixabay.com)
Als letztes AKW in Baden-Württemberg geht Ende diesen Jahres das GKN II in Neckarwestheim vom Netz. Für die Abschaltung hatte sich lange Jahre lang auch ein breites Bündnis von Bürgerinitiativen im Neckarraum eingesetzt und zuletzt auch auf die besorgniserregenden Risse in den Dampferzeugerrohren hingewiesen. Zum 31.12.2021 waren bereits die AKWs Borkdorf (Schleswig-Holstein), Gundremmingen (Bayern) und Grohnde (Niedersachsen) abgeschaltet worden. Ironischerweise am gleichen Tag versandte die EU-Kommission ihre Vorschläge zur so genannten EU-Taxonomie, nach der Atomkraft und Erdgas als „grüne“ Energiequellen eingestuft werden sollen. Die Taxonomie wird der neue EU-Standard für nachhaltige Investitionen und definiert also, welche Energiequellen als nachhaltig gelten.

Am Freitag, den 21. Januar, endet die Frist für Rückmeldungen und Änderungsvorschläge für diese Pläne. Wenn die Planungen der EU-Kommission durchgehen, könnten große Summen an Fördergeldern auch in Erdgas und Atomkraft fließen – und beim Ausbau der Erneuerbaren Energien fehlen.

Ist Atomkraft Co2-neutral?

Dabei ist Atomkraft teuer, gefährlich und eben nicht CO2-neutral: Betrachtet man z. B. die ganze Produktionskette, also vom schmutzigem Abbau des fossilen Uranerzes (zumeist in Übersee) bis zur ungelösten Frage der Atommülllagerung, dann fällt deutlich mehr CO2 an als bei Wind- oder Solarenergie. Die Kosten des jahrelangen Rückbaus von AKWs (im Schnitt 15 Jahre) sind horrend und der sichere Umgang mit den hochgefährlichen Atomabfällen wird uns Menschen mindestens eine Million Jahre beschäftigen. Allein beim Rückbau des GKN I von Neckarwestheim fallen mindestens 3.300 Tonnen radioaktiven Materials an.

Auch die derzeit diskutierten Kleinreaktoren werden kritisch gesehen: Das Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE) kommt in einer Studie von 2020 zum Schluss, dass diese Konzepte nicht ausgereift sind und enorme Risiken bergen. Das Problem der Endlagerung sowie neue Herausforderungen beim Zugang zu atomwaffenfähigen Material seien ebenfalls nicht gelöst. Darüber hinaus sei auch die Wirtschaftlichkeit fraglich, da die Baukosten pro Megawatt Leistung höher seien als bei erneuerbaren Energien und Kostensenkungen nicht zu erwarten wären.

Und Erdgas?

Zwar verursacht Erdgas weniger klimaschädliche Emissionen CO2 je Kilowattstunde als Braun- oder Steinkohle. Aber wie bei anderen fossilen Energieträgern auch, werden bei der Erdgas-Verbrennung klimaschädliche Gase freigesetzt – vor allem Kohlendioxid. Dazu kommt der gravierende Austritt des extrem klimaschädigenden Methan-Gases, das aus den zahlreichen Lecks der meist tausende Kilometer langen Gasleitungen in Sibirien, Kanada oder anderen Fördergebieten entweicht. Denn Erdgas besteht überwiegend aus Methan (CH4). Gelangt es unverbrannt in die Atmosphäre, ist es laut Weltklimarat IPCC in den ersten 20 Jahren etwa 87 Mal schädlicher für das Klima als CO2, bezogen auf 100 Jahre immer noch 36 Mal stärker. Auch die Gewinnung von Fracking-Gas wie in den USA setzt viel Methan frei. US-Studien (Alvarez et al., 2018) schätzen die Methode als ähnlich klimaschädigend wie Kohle ein. Das deutsche Umweltbundesamt (UBA) geht zwar davon aus, dass Gaskraftwerke, die mit Gas aus Russland, Norwegen oder den Niederlanden betrieben werden, rund 40 Prozent weniger Treibhausgase in die Atmosphäre entlassen als Kohlekraftwerke – Leckagen eingerechnet. Aber ist weniger auch nachhaltig? Wir meinen: Nein!
Die mögliche Entscheidung der EU, Investitionen in Atomkraft und fossiles Gas ein grünes Label zu verpassen, ist eine fatale Weichenstellung für echten Klimaschutz.

Kann die Taxonomie noch verhindert werden?

Im EU-Parlament kann die Taxonomie nur mit einer absoluten Mehrheit der Mitglieder des Parlaments abgelehnt werden. Außerdem gibt es den Klageweg, den Österreich und Luxemburg beschreiten wollen. Der BUND und seine Bündnispartner fordern, dass die deutsche Bundesregierung sich dieser Klage anschließt und sich auch im EU-Ministerrat gegen die geplante Taxonomie stemmt.


Wollen Sie etwas tun, um den Etikettenschwindel aufzuhalten?

Hier geht es zur Petition gegen die EU-Pläne, Hunderttausende haben bereits unterschrieben:
https://aktion.bund.net/eu-taxonomie?gclid=Cj0KCQiAip-PBhDVARIsAPP2xc0di4ftW1m4Fg7-rNdozZ0YVHbspavr0a25vy_F_gyD4DT_ho5BoV4aAoVaEALw_wcB

Quellen:

https://www.bund.net/themen/aktuelles/detail-aktuelles/news/energiewende-atomkraft-ist-nicht-co2-neutral/?tx_bundpoolnews_display%5Bfilter%5D%5Btopic%5D=5&cHash=e4b6da3a10a4a269c0f9055aaf5c5177

https://www.tagesschau.de/wirtschaft/technologie/mini-reaktoren-small-modular-reactors-atomkraft-kernenergie-101.html
https://www.science.org/doi/full/10.1126/science.aar7204

https://www.geo.de/natur/nachhaltigkeit/24015-rtkl-fossile-energien-wie-klimafreundlich-ist-erdgas-tatsaechlich
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1 Kommentar
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Magnus Diller aus Oedheim | 19.01.2022 | 16:39  
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