Lausbubengeschichten von Bruno Gässler 19: Der See

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Der Pakoschsee, ein schmaler, lang gestreckter See, war unsere zweite Heimat. Kaum war die Eisdecke geschmolzen, und die Frühlingssonne hatte ihre ersten wärmenden Strahlen auf die große Wasserfläche gesandt, schon konnten wir uns nicht mehr zurückhalten, vom Bollwerk aus in das eiskalte Wasser zu springen und dann möglichst schnell wieder an Land zu schwimmen. Unter Zittern und Beben wurde gegenseitig festgestellt, ob die Lippen schon blau waren. Waren sie es noch nicht, dann wurde der Sprung wiederholt. Im Laufe des Frühsommers erwärmte sich das Wasser, und immer mehr Badegäste traf man am Ufer oder am Bollwerk. Nun konnten wir auch größere Strecken schwimmen, ohne unterkühlt zu werden.

Ein erquickliches Abenteuer war für uns die Emmi. Emmi war ein kleiner Schlepper, der die mit Zuckerrüben beladenen Kähne in die nahe Zuckerfabrik nach Amsee schleppte. Wenn Emmi in der Ferne auftauchte, schwammen wir ihr entgegen und versuchten rechtzeitig die Fahrrinne zu erreichen, dann mussten wir nur noch beim Vorbeifahren das Steuer am hinteren Kahn zu fassen kriegen und schon konnten wir uns ein ganzes Stück mitschleppen lassen. Der arme Kapitän führte die reinsten Veitstänze auf und wollte uns mit einer Schimpfkanonade vertreiben. In unserem jugendlichen Leichtsinn verstanden wir gar nicht, wie gefährlich das war.

Für uns Jungs war es Ehrensache, dass wir ein Stück Angelschnur und einen Angelhaken in der Tasche hatten. Je nach Laune und Zeit wurde ein Weidenstab geschnitten, und schon hatten wir eine Angel und meistens auch Anglerglück. Mutter hat großzügig über das siebte Gebot hinweg gesehen, wo es heißt „Du sollst nicht stehlen“ und war recht froh, wenn ein paar schöne Barsche in der Pfanne brutzelten.

An einem diesigen Tag saß ich am Fenster an den Schularbeiten. Natürlich hatte ich immer ein Auge auf den See gerichtet, der spiegelglatt in der Abenddämmerung dalag. Von Zeit zu Zeit sah ich kleine Wellenkreise aufkommen, so, als ob sich da etwas bewegte. Je länger ich dies beobachtete, umso neugieriger wurde ich. Als ich dann noch sah, dass es im Wasser ganz leicht spritzte, war es aus mit der Ruhe, ich musste hier Klarheit schaffen. Ich rannte also an den See, unser Boot lag immer startklar im Wasser, ruderte an besagte Stelle und traute meinen Augen nicht, was ich da sah. Ein riesiger Hecht wollte einen Barsch verspeisen und hatte sich scheinbar in der Größe verrechnet. Der Barsch spreizte seine Rückenflossen, die scharf wie Nadeln sind, und der Hecht konnte ihn so weder schlucken noch herauswürgen. Ich war somit der lachende Dritte, denn beide zusammen sollten nun mir gehören. Doch das war leichter gesagt als getan. Immer wenn ich nach dem Hecht greifen wollte, tauchte er für kurze Zeit ab, und ich musste warten, bis er wieder an ganz anderer Stelle auftauchte. Es war ein langer Kampf, aber nie und nimmer hätte ich diese Beute aufgegeben. Es gelang mir dann doch, ihn an den Kiemen zu fassen und ins Boot zu zerren.
Mutter strahlte über den wahrlich kapitalen Fang und ihren tapferen Jungen. Als die beiden Fische schön ausgenommen auf dem Tisch lagen, musste ich an das Sprichwort denken „Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte.“

Der See verlockte uns immer wieder zu neuen Abenteuern. Gerhard und ich saßen an einem regnerischen Sommertag wieder einmal beisammen und hatten eine elende Langeweile. Irgendetwas sollte man eigentlich unternehmen. Plötzlich war die fade Trägheit wie weggeblasen, die Idee war geboren: „Wir schwimmen über den See!“. Gesagt getan, schon standen wir am Bollwerk, zogen uns aus und fanden für die Kleider ein trockenes Plätzchen. Wir schwammen lustig drauf los, hatten uns viel zu erzählen und schwammen bis nach Kleinwasserburg, einem großen Gut, das etwa zwei Kilometer entfernt am gegenüberliegenden Ufer lag.
Dort stiegen wir aus dem Wasser und wollten über Land den Heimweg antreten, da fiel uns plötzlich ein, dass die einzige Brücke ja in Amsee ist. Nun waren es bis zur Brücke etwa drei bis vier Kilometer und von da bis Seehorst, unserem Dorf, noch mal so viel. Diese Strecke zu Fuß, das wollten wir uns nicht antun. Ohne viele Worte stiegen wir wieder ins Wasser und schwammen in Richtung Heimat.

Der See war nie unbeobachtet, wenn sich eine Kleinigkeit bewegte, war immer jemand da, der neugierig danach Ausschau hielt, so wie auch ich den Hecht entdeckte. Bestimmt wurden wir schon beim Hinschwimmen beobachtet und auch dies, dass wir drüben glücklich gelandet waren. Als wir aber den Rückweg antraten und uns vom jenseitigen Ufer immer mehr entfernten, da war es wohl um die Geduld des Betrachters geschehen. Wie ein Lauffeuer ging die Kunde von den Marathonschwimmern durchs Dorf. Es wurde nur noch gerätselt, wer es sein könnte. Als unsere Väter die Nachricht erfuhren, war es für sie ganz klar: das konnten nur der Gerhard und der Bruno sein.

Die ersten, die sich am Bollwerk einfanden, waren unsere Väter. So nach und nach kamen immer mehr Schaulustige, bis ein ganzer Haufen beisammen stand. Inzwischen hatten wir die Strecke vollends zurückgelegt, stiegen in Siegerpose aus dem Wasser, als hätten wir eine große Tat vollbracht und waren auch ernsthaft der Meinung, dass dies ein ehrenhafter Empfang sei.
Als mich aber dann mein Vater übers Knie legte und mir ordentlich den Hintern versohlte und ich nebenbei feststellen musste, dass es meinem Freund Gerhard kein Haar besser ging, da war es aus mit der irrigen Meinung. Dieser Streich hat natürlich die Runde gemacht und am Ende waren wir, trotz der Strafen, die heimlichen Helden.
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4 Kommentare
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Gudrun Vogelmann aus Bad Friedrichshall | 23.10.2021 | 14:20  
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Angelika Di Girolamo aus Künzelsau | 23.10.2021 | 17:15  
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Uschi Dugulin aus Neuenstein | 23.10.2021 | 21:05  
5.285
Angelika Di Girolamo aus Künzelsau | 25.10.2021 | 15:04  
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