Geschichten aus dem Urlaubsschatzkästchen: Der Doppelgänger

Diese Geschichte beginnt mit einem Foto, dass ich 1986 in der Wüstenstadt Jaisalmer im indischen Bundesstaat Rajasthan gemacht habe. Es zeigt zwei Männer, einer in weißem Gewand, der andere in ärmlicher, zerlumpter Kleidung vor einem Haus, die Tür ist offen, in der linken Ecke liegt ein Schuh. Beide haben eine Turban auf dem Kopf, so wie es Landessitte ist. Nachdenklich blicken sie auf den Boden. Wer weiß, was sie beschäftigt haben mag.

Ein paar Jahre später in Heidelberg. Der große monatliche Flohmarkt fand damals noch auf dem Gelände der heutigen Bahnstadt neben der Halle 02 (die den Kahlschlag überlebt hat) und einem großen Gartenmarkt, der heute in der Eppelheimer Straße zu finden ist, statt. Den Flohmarkt hat man auf den neuen Messplatz bei Kirchheim verlegt.

Flohmärkte sind eine Leidenschaft von uns. Sowohl als Käufer, aber auch als Verkäufer sind wir immer wieder mal auf Flohmärkten unterwegs. In einer etwas öden Phase, als sich kein Käufer an unserem Stand mit allerlei Trödel aus unserem Hausstand blicken ließ, stöberte ich bei einem benachbarten Händler, der Postkarten, Briefmarken und alte Buchseiten mit Reproduktionen aus, um die 1900ter Jahren so beliebten Jahrbüchern und Almanachen verkaufte. Da hielt ich plötzlich diese Seite in der Hand „Flickschuster in Kairo“ nach dem Gemälde von Hermann Linde. Es hat mich elektrisiert. Dieses Gesicht, diese Szene kenne ich doch. Für ein paar DM kaufte ich die alte Buchseite.

Zu Hause verglich ich den Stich mit meinem Foto, und tatsächlich der Mann rechts auf meinem Foto hätte Modell stehen können für den Mann ganz rechts auf dem Stich mit dem Kind auf dem Schoß. Der Turban, der weiße Bart, die Nase, sogar die Haltung des Kopfs, es passt perfekt. Auch die übrige Szene hat eine gewisse Ähnlichkeit, sogar ein Schuh ist auf meinem Foto links zu sehen. Zwischen der Entstehung des Gemäldes und meinem Foto liegen fast 100 Jahre und trotzdem scheint es, als ob die Zeit stehen geblieben ist.

Das Gemälde von Hermann Linde entstand 1891 und befindet sich heute im Museum Behnhaus Drägerhaus in Lübeck.
Die alte Buchseite und das Foto aber befinden sich in meinem Urlaubsschätzkästchen.
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Wander Gaby aus Heilbronn | 17.12.2020 | 13:19  
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Michael Harmsen aus Weinsberg | 17.12.2020 | 13:38  
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Anneliese Herold aus Oedheim | 17.12.2020 | 13:45  
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Angelika Di Girolamo aus Künzelsau | 17.12.2020 | 14:25  
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Gudrun Vogelmann aus Bad Friedrichshall | 17.12.2020 | 15:35  
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Daniela Somers aus Untergruppenbach | 17.12.2020 | 16:32  
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Michael Harmsen aus Weinsberg | 17.12.2020 | 17:42  
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Marie-Luise Reichert aus Heilbronn | 17.12.2020 | 17:46  
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Montagswanderer Ellhofen aus Ellhofen | 17.12.2020 | 18:07  
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Sigrid Schlottke aus Bad Rappenau | 17.12.2020 | 22:12  
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Elke Pfeiffer aus Neckarsulm | 18.12.2020 | 09:36  
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Heide Böllinger aus Bad Friedrichshall | 18.12.2020 | 19:45  
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Michael Harmsen aus Weinsberg | 19.12.2020 | 12:03  
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