Geschichten aus dem Urlaubsschatzkästchen: Die Blätter vom brennenden Dornbusch

 
Der Ort des Frevels. Wie man sieht war ich nicht der Erste und der Einzige.
Während einer Wanderreise auf den Sinai kommt man mit ziemlicher Sicherheit zum Katharinenkloster. Wir natürlich auch. Das Kloster ist eines der ältesten, immer noch bewohnten Klöster des Christentums. Inmitten steinerner Einöde trotzen hier die Mönche seit Jahrhunderten allen Gefahren. Es wurde niemals zerstört. Angeblich soll sogar Mohammed Gast im Kloster gewesen sein. Einmal erbauten die cleveren Mönche sogar ein Minarett auf dem Gelände und entgingen so der Zerstörung durch den Kalifen al-Hakim.

Es ist am Fuß des Dschebel Musa (Mosesberg) gelegen, der ein Pflichtprogramm für jeden fitten Pilger und Wanderer ist. Weniger fitte nutzen mit Kamel und Esel die Umgehung der steilen ca. 3000 Stufen zählenden, sogenannten Himmelsleiter, allerdings die letzten 500 Meter müssen auch sie dann zu Fuß gehen. Das mit den Stufen ist nicht ganz Wörtlich zu nehmen, sehr oft handelt es sich um Felsbrocken und natürliche Absätze im Gelände und nicht wirklich um Stufen.

Außerdem beherbergen die Mauern des Klosters, neben einer der ältesten Bibliotheken der Welt, auch den Brennenden Dornbusch. Hier soll sich Gott Mose offenbart haben.

Der Trubel, der dort am Kloster herrscht, nimmt einem allerdings schnell jedwede innere Einkehr. Der (angebliche) Dornbusch ist etwas erhöht gelegen und umgeben von einer Mauer. Ich weiß nicht, um welche Pflanze es sich hier handelt, auf jeden Fall waren alle von unten erreichbaren Blätter abgerissen. Für Touristen und Pilger ein lohnendes Souvenir. Also auch für mich.

In einem unbeobachtet geglaubten Moment zog ich mich ein Stück die Mauer hoch und welch ein Wunder, 2-3 Blätter dieses heiligen (nachwachsenden) Reliktes konnte ich erhaschen.

Aber ich hatte die Rechnung ohne die wachsamen Mönche gemacht, die haben ja Jahrhunderte lange Erfahrung mit solchen Frevlern wie mir. Ein finster dreinblickender Pope mit langem grauen Bart, schwarzer Kutte und Kamelaukion auf dem Kopf schimpfte mit mir in einer Sprache, die ich nicht verstand. Musste ich auch nicht, ich konnte mir ja denken was er sagte.

Schnell verließ ich mit meinem Schatz das Kloster, um mich zusammen mit der Wandergruppe auf den Weg hoch zum Mosesberg zu machen.

Irgendwie war mir nicht wohl und ich hatte doch ein kleines bisschen ein schlechtes Gewissen ob meiner bösen Tat. Nach ca. einer halben Stunde Aufstieg kamen uns auf dem schmalen Pfad eine Gruppe Mönche von oben entgegen. Ein paar Meter vor mir stolperte plötzlich einer der Mönche, ein altes kleines Männlein mit Rauschebart und Kutte kam mir trudelnd und strauchelnd entgegen. Beherzt griff ich zu, packte den Mönch an der Kutte und hielt ihn fest. Er wäre sehr wahrscheinlich gestürzt und hätte sich zumindest sehr weh getan oder auch schlimmeres, geht der Weg doch steil am Abhang entlang. Der Dank und die Freude des Mönches und seiner Brüder war groß und überschwenglich. Allerdings habe ich kein Wort verstanden, aber ich konnte mir ja denken was sie sagten.

So folgte kurz nach meinem Frevel eine gute Tat und ich war wieder mit mir im Reinen.
Die Blätter vom Brennenden Dornbusch haben bis heute einen Ehrenplatz in meinem Urlausschatzkästchen.
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9 Kommentare
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Anneliese Herold aus Oedheim | 13.12.2020 | 18:30  
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Anneliese Herold aus Oedheim | 13.12.2020 | 18:37  
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Anneliese Herold aus Oedheim | 13.12.2020 | 18:44  
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Marie-Luise Reichert aus Heilbronn | 13.12.2020 | 18:50  
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Astrid Bierschenk aus Weinsberg | 13.12.2020 | 19:19  
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Elke Pfeiffer aus Neckarsulm | 13.12.2020 | 19:20  
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Gudrun Vogelmann aus Bad Friedrichshall | 13.12.2020 | 21:48  
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Sigrid Schlottke aus Bad Rappenau | 14.12.2020 | 00:11  
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Michael Harmsen aus Weinsberg | 14.12.2020 | 15:41  
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