Geschichten aus dem Urlaubsschatzkästchen: Lord Belford, der mutige Feigling.

  Dieses Erlebnis passt vielleicht ganz gut in diese Zeit zwischen den Jahren, wo überall ob in der Kirche, im Fernsehen, im Radio und Zeitung viele schöne, manchmal ein wenig traurige, aber natürlich auch besinnliche und lustige Geschichten erzählt werden. Sogar die Redakteure der Heilbronner Stimme haben uns am Donnerstag von ihren Reiseträumen berichtet.

Dies ist eine kleine Geschichte über einen außergewöhnlichen Hund.

Vor vielen Jahren machten wir Station auf einem sogenannten „Orman Park“ in der Türkei, nahe der bekannten Bucht „Öli Deniz“, die in fast allen Reiseprospekten auftaucht. Zu recht, denn sie ist wunderschön, heute allerdings hoffnungslos überlaufen.

Wie oft in den Ländern am Mittelmeer von Spanien bis in die Türkei war auch hier ein Rudel Strandhunde unterwegs. Ein bunter, lustiger Haufen unterschiedlichster Rassen, Farben und Größen. Schon am ersten Tag fiel uns das Rudel auf und ganz besonders ein mittelgroßer, weißer Schäferhundmischling, der, obwohl er eines der größten und stärksten Tiere in dem Rudel war, selbst von kleinen Kläffern weggebissen wurde und mit eingezogenem Schwanz das Weite suchte. Was mag dieses schöne Tier schreckliches erlebt haben? Die Ohren hatte man ihm teilweise abgeschnitten und am Körper wies er einige Narben auf von Wunden, die ihm wohl absichtlich beigebracht worden waren. Wenigstens den Schwanz hatte man ihm gelassen. Ich sage das, weil es zu dieser Zeit absolut üblich war, Hunden, die im Orient als unreine Tiere gelten, zum Teil schwerste Verletzungen zuzufügen und sie dann verstümmelt wieder laufen zu lassen. Nur die großen Hütehunde der Schaf- und Ziegenhirten sind davon ausgenommen und werden durchaus mit Respekt behandelt.

Wohl aus Mitleid bevorzugten wir ihn bei der Verteilung unserer Essensreste, wenn mal wieder die Meute bettelnd an unserem Campingtisch auftauchte. Das merkte er sehr schnell und schon nach wenigen Tagen verließ er das Rudel und blieb ständig in unserer Nähe. Irgendwie hatte seine zurückhaltende Art etwas vornehmes und aristokratisches an sich. Deshalb nannten wir ihn Lord Belford.

Lord Belford blieb also bei uns, und wenn wir 1-2 mal in der Woche in die nächste größere Stadt fuhren, um auf dem herrlichen Bauernmarkt unsere Vorräte aufzufrischen, lag er an unserem Platz, wo wir Stühle und Tisch und allerlei Hausrat zurück ließen. In einer umgedrehten Frisbeescheibe war immer frisches Wasser für ihn. Wenn wir dann mit unseren Schätzen zurück kamen, begrüßte er uns freudig mit dem Schwanz wedelnd, genau wissend, dass auch für ihn etwas dabei war. Nachts schlief er unter unserem Bully und ab und zu gab es einen Schlag von unten, wenn er im Schlaf aufschreckte und sich den Kopf am Wagenboden anstieß.

Wochenmärkte in der Türkei sind etwas aussergewöhnliches, diese pralle Vielfalt an frischem Obst, allen Sorten von Gemüsen, herrlich duftenden Gewürzen und Kräutern sucht ihresgleichen. Besonders der frische, handgeschöpfte Schafsmilchjoghurt, den die Bauerinnen aus den umliegenden Bergdörfern dort verkauften, hatte es uns angetan. Natürlich kauften wir auch etwas Fleisch, das wir noch am selben Tag zubereiten mussten, denn einen Kühlschrank hatten wir nicht an Bord. Genauso war es mit dem Bier, dass wir gut gekühlt in einem Eimer mit Stangeneis mitbrachten, es musste getrunken werden bevor es warm wurde. Und warm wurde es schnell, wir hatten Mitte Juni und die Temperaturen näherten sich Mittags schon bedrohlich der 40° C Marke. Ab und zu kam auch ein Fischerboot an den Strand und die Fischer boten uns ihren Fang an, den sie auch für uns gleich ausnahmen. Frischer geht es nicht.

Man muß wissen, diese Plätze, Orman Park = Wald Park genannt, waren keine wirklichen Campingplätze sondern boten nur rudimentärsten „Komfort“. Keinen Einkaufsladen, keine Gaststätte und die sanitären Anlagen, wenn überhaupt vorhanden, befanden sich in übelstem Zustand. Der einzige Luxus war das frische Brot, das morgens geliefert wurde und das reichte uns vollkommen. Zusammen mit einigen anderen Wohnmobilfahrern standen wir dort an einem fast unberührten Stück Natur direkt am Strand. Der Platz war nur über eine 3 Kilometer lange, üble Schotterpiste zu erreichen, so dass wir von den zahlreichen Wohnwagengespannen verschont blieben, die damals die türkische Küste unsicher machten.

Aber zurück zu Lord Belford, ich bin da gerade etwas ins Schwärmen geraten.

Eines Nachts musste meine Frau einem menschlichen Bedürfnis nachgebend den Bus verlassen, um mit einer Taschenlampe sich im Stockdunkeln einen Weg zu den weit entfernten „Toiletten“ zu suchen. Da kam plötzlich eine Gestalt, ein Mann (?) hinter einem Baum hervor und auf sie zu. Im selben Augenblick tobte unser Lord Belford unter dem Bully hervor und griff den Unbekannten mit einem tiefen Knurren und gefletschten Zähnen an. Wir hätten das diesem stillen, verängstigten Tier, das sich in seinem Rudel ohne jedes Selbstvertrauen bewegte, nie und nimmer zugetraut. Lord Belford hatte sich uns als seine Familie ausgesucht und war bereit, uns zu verteidigen. Dieser Hund, der so schlechte Erfahrungen mit Menschen gemacht hatte und sicher auch niemals in irgendeiner Weise abgerichtet wurde, wollte meine Frau beschützen. Die unbekannte Gestalt verschwand schnell im Dunkel des Waldes und tauchte nie wieder auf.

Die Tage kamen und gingen und es kam wie es kommen musste, nach 6 herrlichen, viel zu kurzen Wochen mussten wir an die Heimreise denken. Am Abreisetag gingen wir wie jeden morgen an den Strand, um ein paar Runden im kristallklaren Wasser der Bucht zu schwimmen. Aber im Gegensatz zu sonst begleitete uns Lord Belford an den Strand. Eigentlich blieb er morgens immer am Bus, um in der Morgensonne zu dösen. Das kam uns schon etwas seltsam vor, ahnte er etwas?

Natürlich hatten wir schon tagelang überlegt, ob wir ihn mitnehmen können. Aber ohne Papiere, verlaust und verwurmt wie er war? In einem kleinen VW-Bus 2500 km über mehrere Grenzen? Die Zöllner bestechen wäre eine Möglichkeit gewesen und damals durchaus üblich. Aber was hätte er dann in unserer kleinen Wohnung ohne Garten den ganzen Tag gemacht, während wir arbeiten waren? Diese Fragen trieben uns um und bereiteten uns einige schlaflose Nächte. Schließlich kamen wir zu dem Ergebnis, sein Platz ist hier. Sicher wird er sich eine neue Familie suchen, so hofften wir.

Wir packten also unser Auto und wollten aufbrechen, da war er plötzlich verschwunden. Irgendwie waren wir ja froh darüber. Wir fuhren über das weitläufige Gelände zum Ausgang auf die Schotterpiste. Da saß er plötzlich am Wegesrand und schaute uns mit großen, traurigen Augen an. Wir waren fassungslos. Ich gab Gas, es zerriss uns das Herz. Nach ca. einem Kilometer in der letzten Kehre hielten wir an, um noch einmal einen Blick auf die Bucht zu werfen, wo wir so schöne Wochen verbracht hatten. Da sahen wir ihn noch immer unten sitzen und in unser Richtung schauend. Als er bemerkte, das wir anhielten, begann der die Schotterpiste hoch in unsere Richtung zu rennen. Es war unglaublich, Rotz und Wasser heulend stiegen wir ins Auto und verschwanden. Selbst heute beim Niederschreiben dieser Zeilen bekomme ich nach 35 Jahren noch feuchte Augen.

Auch diese Geschichte befindet sich in unserem Urlaubsschatzkästchen, vor allem aber in unseren Herzen.
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13 Kommentare
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Daniela Somers aus Untergruppenbach | 26.12.2020 | 13:23  
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Anneliese Herold aus Oedheim | 26.12.2020 | 14:11  
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Sigrid Schlottke aus Bad Rappenau | 26.12.2020 | 15:25  
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Elke Pfeiffer aus Neckarsulm | 26.12.2020 | 16:17  
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Gudrun Vogelmann aus Bad Friedrichshall | 26.12.2020 | 18:01  
1.967
Montagswanderer Ellhofen aus Ellhofen | 27.12.2020 | 10:15  
4.174
Michael Harmsen aus Weinsberg | 27.12.2020 | 14:06  
7.909
Anneliese Herold aus Oedheim | 27.12.2020 | 17:40  
3.957
Heide Böllinger aus Bad Friedrichshall | 06.01.2021 | 18:51  
4.564
Daniela Somers aus Untergruppenbach | 06.01.2021 | 19:32  
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Heide Böllinger aus Bad Friedrichshall | 06.01.2021 | 19:41  
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Heide Böllinger aus Bad Friedrichshall | 06.01.2021 | 20:34  
4.174
Michael Harmsen aus Weinsberg | 07.01.2021 | 15:12  
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