Corona-Krise rückt Pflege ins rechte Licht

Abstatt: Seniorenlandhaus Fridericke | Der Deutsche Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel hatte es schon erkannt: die Menschheit braucht Seuchen und Kriege, um immer wieder auf den Boden der Vernunft zurück zu kehren. In heutigen Zeiten der Corona-Krise mag es kein besseres Beispiel dafür geben wie die neu erwachte Wertschätzung gegenüber dem Pflegeberuf. Mit Einführung der Pflegeversicherung vor 25 Jahren setzte parallel zur Professionalisierung der Pflege ein beispielloser Niedergang der Vernunft gegenüber diesem nun wieder als systemrelevante Tätigkeit zu Bewusstsein kommenden Beruf ein: welchen vernünftigen Grund konnte es denn geben, ausgerechnet jene Menschen einem besonderen Misstrauen und einer besonderen Kontrolle zu unterziehen, die oft aus tiefer innerer Überzeugung und unter Einsatz der eigenen Gesundheit in einem Beruf tätig sind, der schlechte Arbeitsbedingungen mit Drei-Schicht-Betrieb, Wochenend- und Feiertagsarbeit, ein schlechtes Image und eine schlechte Bezahlung aufweist? Welcher vernünftige Grund lässt sich dafür anführen, ausgerechnet Tätigkeiten, die einen besonders flüchtigen, alltäglich wiederkehrenden Charakter haben, wie Körperpflege, An- und Auskleiden, Essen eingeben, usw. auf akribische, ja pedantische Weise zu dokumentieren? – Als könne irgendein Kürzel auf irgendeinem Papier mehr aussagen als ein augenscheinlich gut gepflegter Mensch. Binnen einer einzigen kurzen Presseerklärung des Gesundheitsministers gelang es der Corona-Pandemie nun die Pflegetätigkeit nach 25 düsteren Jahren schlagartig aus aller Irrationalität zu befreien und ihren Schwerpunkt wieder richtig zu bestimmen. Nachdem Dokumentationspflichten minimiert und Kontrollen bis Ende September 2020 ausgesetzt sind, können sich Pflegende endlich wieder ihrer eigentlichen Aufgabe, der Fürsorge um die betreuten Menschen widmen. Es bleibt zu hoffen, dass diese aus der Not geborene Rückkehr zur Vernunft nach der Virus-Krise weiter anhält und auch die sogenannten Pflegewissenschaften sich noch einmal neu besinnen in der Erkenntnis, dass mit Pflege in allererster Linie das reale praktische Pflegehandeln gemeint ist und nicht irgendein akademisches Pflegetheoretisieren, das mit den Expertenstandards hehre Ideale aufstellt und die ökonomischen Rahmenbedingungen völlig außer Acht lässt. Eine solche, auf empirische Befunde abgestellte Wissenschaft hätte sogar das Potenzial das ganze Arsenal sinnloser Vorspiegelungen guter oder schlechter Pflegequalität wie Transparenzkriterien und Qualitätsindikatoren endgültig zu beseitigen. Die Krise hätte wohl dann ihr Gutes, wenn sie die Pflege auch längerfristig auf den Boden der Vernunft zurückbrächte.
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