Sinfonischer Powerklang traf auf drei charmante Solistinnen

Heilbronn: Harmonie - Theodor-Heuss-Saal |

Das Sinfonieorchester „Klangattacke“ krönte seine Winterprobenphase mit einem prachtvollen Konzert in der Harmonie

Es war ein ambitioniertes Projekt, die Gründung eines neuen Sinfonieorchesters vorwiegend aus besonders talentierten und engagierten Amateurmusikern aus dem Großraum Heilbronn vor zwei Jahren. Aber bereits das allererste Konzert im Juni 2015 in der Harmonie geriet zu einer „furiosen Premiere“ vor vollem Haus, wie die Heilbronner Stimme hinterher titelte. Und sie haben es geschafft, das „Sinfonische Orchester Klangattacke“ lebt und gedeiht und hat seither bereits mehrere spannende Konzerte gegeben. Jetzt präsentierten die rund 70 Musiker unter dem jungen Dirigenten Robert Weis-Banaszczyk ihr neues Programm mit Werken von Modest Mussorgsky und Ludwig van Beethoven. Überaus charmante Verstärkung erhielten sie diesmal durch das „Boulanger-Trio“ mit den drei wunderbaren Solistinnen Birgit Erz, Ilona Kindt und Karla Haltenwanger.
Eine intensive Probenphase war diesem Projekt vorausgegangen, denn die Orchesterparts sind in allen Registern anspruchsvoll, zumal für Nichtprofis, die ihre musikalischen Fähigkeiten nur in der knappen Freizeit frisch halten und weiterentwickeln können. Den Musikern der „Klangattacke“ gelingt das in beeindruckender Qualität, sie sind zu einem Klangkörper zusammen gewachsen, der die musikalischen Vorstellungen seines jungen Dirigenten umsetzen kann. Und der weiß ganz genau, was er will: Beethovens „Egmont-Ouvertüre“ beginnt ernst, fast archaisch, senza vibrato. Die Ouvertüre hat als einziger der neun Sätze von Beethovens Bühnenmusik zu Goethes Trauerspiel bis heute überdauert. In ihr findet sich jedoch bereits das ganze Drama um die gescheiterte Rebellion des niederländischen Grafen Egmont gegen die spanische Besatzungsmacht angelegt. Die Düsternis der Unterdrückung in dem einleitenden Streichermotiv, Egmonts Gefühl für seine Geliebte Klärchen in den zarten Cantilenen der Holzbläser, die Unruhe und Aktion des Aufstands, Egmonts Gefangennahme und Hinrichtung, aber auch die triumphale Siegeshymne am Schluss – all dies ist zu hören, präzise herausgearbeitet und doch mit jenem dramatischen Impetus gespielt, der sich nur mit einem gewissen Mut zum Risiko einstellen kann.
Dieser erfrischende Geist fand sich auch wieder in Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“, welche hier in der Orchesterfassung von Mikhail Tushmalov (1891) zu hören waren, einem Schüler Rimsky-Korsakovs. Die „Klangattacke“ wuchs hier mit zusätzlichen Bläsern, viel Schlagwerk, Harfe und Klavier zu ihrer größten Besetzung an. Technisch anspruchsvoll, aber musikalisch ungeheuer lohnend ist diese frühe Orchestrierung, voll überschäumender Experimentierfreude, die sich auch im engagierten Spiel der Musiker ausdrückte.
Die zweite Hälfte des Abends nach der Pause stand dann ganz im Zeichen der drei grandiosen Solistinnen vom „Boulanger-Trio“. Beethovens Tripelkonzert op. 56 erinnert ein wenig an die Gattung Sinfonia concertante, die Sologruppe aus Klavier, Violine und Cello steht einem vollen Orchestersatz gegenüber. Robert Weis-Banaszczyk gelang es mit Fingerspitzengefühl, mit dem Orchester so behutsam zu begleiten, dass die drei Solistinnen jederzeit klanglich präsent waren. Ein ausgesprochener Glücksfall, für dieses Projekt ein so perfekt aufeinander eingespieltes Ensemble zur Verfügung zu haben, denn die Pianistin Karla Haltenwanger, die Cellistin Ilona Kindt und die aus Heilbronn stammende Geigerin Birgit Erz genießen als Klaviertrio internationales Renommé und sind gefragte Interpretinnen Neuer Musik. Gleichermaßen filigran wie kraftvoll, mit ausgeprägt kammermusikalischer Finesse gestalteten die drei ihren virtuosen Solopart und hatten am Ende sogar noch Power für eine Zugabe und verabschiedeten sich mit einem „Frühlingsmorgen“ von Lili Boulanger von den begeisterten Zuhörern im Theodor-Heuss-Saal der Harmonie.
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