Und Frieden auf Erden

Und Frieden auf Erden ...

von Erich Koch

Josef oder Sepp, wie man ihn zu Hause rief, war ein gestandenes Mannsbild. Eine bayerische Tanne, wie seine Freunde sagten. Und dabei waren Respekt und Bewunderung heraus zu hören. Sepp konnte man nicht aus der Ruhe bringen.
Heino, sein Kamerad, mit dem er heute Morgen zu diesem Kontrollgang aufgebrochen war, war genau das Gegenteil. Seine Stimmung schwankte ständig zwischen himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt.
Und nun standen sie da, unweit dieses trostlosen Dorfes, weit weg von zu Hause.
Ihr Fahrzeug war ausgefallen, ausgerechnet am Heiligen Abend. Hilfe war unterwegs, aber es würde wohl noch eine Weile dauern bis sie eintreffen würde.
Sepp war noch stiller als sonst. Er dachte an seine Frau und an seine beiden Kinder zu Hause. Sicher saßen sie zusammen mit seinen Eltern gerade um den schön geschmückten Weihnachtsbaum. Sepp liebte den Heiligen Abend. Er roch gerne das frische Tannengrün, konnte sich nicht satt sehen an dem warmen Licht der Kerzen und freute sich wie ein kleines Kind, wenn seine Kinder mit leuchtenden Augen und roten Wangen hastig ihre Geschenke auspackten. Dann nahm er die Hand seiner Frau, drückte sie still und empfand nichts als Dankbarkeit.
Heino hatte nie einen Hehl daraus gemacht, dass ihm diese Gefühlsduselei auf den Wecker ging. Er flüchtete über Weihnachten regelmäßig in tropische Urlaubsländer. Doch dieses Jahr war alles anders.
Jetzt standen sie hier und sollten gemeinsam mit ihren Kameraden den Frieden bewahren. Schon oft hatten sie über Sinn oder Unsinn ihres Auftrags diskutiert. Frieden bewahren, ein großes Wort, eine große Aufgabe. Sepp hatte sich seine eigene Meinung gebildet. Frieden konnte man nicht bewahren. Vielleicht einen Waffenstillstand. Frieden, das war für ihn nichts außerhalb von ihm. Frieden gab es nur, wenn ihn die Menschen in ihrem Herzen trugen. Frieden war für Sepp ein tiefer innerer Gemütszustand und nichts, was irgendwo zwischen Häusern und Straßen lauerte.
Gedankenverloren schaute Sepp in die Nacht hinaus. Es war ein klarer Himmel. Selten, dass man die Sterne in den letzten Nächten so klar gesehen hatte und sie schienen heute irgendwie noch näher zu sein.
In dem kleinen Dorf vor ihnen in der Senke war es ruhig. Dorf war eigentlich schon zu viel gesagt. Höchstens zwanzig Häuser mochten es sein, die meisten zerstört oder notdürftig geflickt. Nur in wenigen war ein Lichtschein zu sehen. Doch was war das? Das letzte Haus, von hier kaum einsehbar, war seltsam hell erleuchtet. Auch Heino war inzwischen darauf aufmerksam geworden. „Wahrscheinlich eine Disco mit Scheinwerfern“, meinte er. „So ein Schmarrn“, knurrte Sepp, „außerdem hört man überhaupt keine Musik.“ Es stimmte, kein Laut war zu hören. „Vielleicht brennt es“, vermutete Heino. „Könnte sein“, gab Sepp zurück, „aber das Leuchten sieht nicht aus wie ein Feuer. Komm, wir schauen einmal nach.“ Heino war nicht begeistert. Nicht nur wegen der Minen, die hier vielleicht noch herumlagen. Warum sollte man sich unnötig in Gefahr begeben? Ihre Aufgabe war es nicht, sich um komische Lichterscheinungen zu kümmern. Doch Sepp war schon unterwegs. Er hatte sich eine Decke genommen und stapfte durch den Schnee. Eine innere Stimme sagte ihm, dass da drüben etwas Seltsames vorging. „Sturer Bayer“, schimpfte Heino, folgte ihm aber missmutig.
Je näher sie an das Haus kamen, desto seltsamer kam ihnen die Sache vor. Einmal schien das Licht von oben zu kommen, dann sah es so aus, als leuchte das Haus von innen heraus. „Da hat jemand zu Weihnachten eine Laserkanone bekommen“, lästerte Heino. Sepp warf ihm nur einen vernichtenden Blick zu. Jetzt standen sie vor dem Haus. Sie konnten nichts Ungewöhnliches entdecken. Das Dach fehlte zur Hälfte, Türen und Fenster waren notdürftig geflickt. Drinnen war ein Lichtschein zu sehen. Sepp klopfte an und drückte die Tür auf. Heino zögerte zunächst noch, trat dann jedoch auch ein. In einem ärmlich eingerichteten Raum brannte in einem beschädigten Ofen ein kleines Feuer. Daneben war aus Steinen so etwas wie eine Krippe aufgebaut worden. Darin lag ein kleines Kind, das zu schlafen schien. Dicht dabei saß auf einem wackligen Stuhl eine junge Frau. Ihre Kleidung war schäbig und doch strahlte die Frau etwas aus, was Sepp warm berührte. Der Mann neben ihr lächelte sie freundlich an und winkte sie näher. „Fehlen nur noch Ochs und Esel“, entfuhr es Heino. Auch Sepp hätte sich nicht mehr gewundert, wenn er die Tiere angetroffen hätte. Vor der Krippe lag ein alter, zottiger, schwarzer Hund. Er knurrte kurz, war jedoch sofort wieder ruhig, als der Mann ihm etwas zurief. In der Ecke war eine Ziege angebunden, die an etwas Stroh knabberte.
Da standen sie nun. Zwei gestanden Männer, die schon viel erlebt hatten und die besonders in den letzten Monaten viel Elend, Not und auch den Tod gesehen hatten. Nichts hatte sie bisher sprachlos gemacht. Doch jetzt brachten sie kein Wort heraus. Heino wurde es leicht schwindlig, Sepp schaute nur auf das Kind und war in Gedanken bei sich zu Hause.
Da fing der Mann plötzlich mit leicht brüchiger Stimme zu singen an. Sie verstanden seine Worte nicht, doch die Melodie war ihnen sehr vertraut. „Stille Nacht, Heilige Nacht.“ Die Frau sang leise mit klarer Stimme mit. „Stille Nacht, Heilige Nacht.“ Wie oft hatte Sepp andächtig dieses Weihnachtslied gesungen. Und als er jetzt mit seiner Bassstimme einfiel, war es ihm, als singe er nicht von etwa was vor über zweitausend Jahren geschehen war. Er war plötzlich mittendrin in der Geschichte. Er fühlte sich unerklärlich zeitlos. Heino hatte auf einmal einen dicken Kloß im Hals. Was war hier los? Er schaute sich um. Keiner schien ihn zu beachten. Sein Blick fiel auf das Kind. Es hatte die Augen aufgeschlagen und lächelte ihn an. Ob er wollte oder nicht, er musste zurücklächeln. Und als die anderen die zweite Strophe anstimmten, sang er mit. Und seltsam, obwohl sie in verschiedenen Sprachen sangen, schienen die Worte, von der Inbrunst der Sänger getragen, zu verschmelzen und wie ein einstimmiger Akkord in die Nacht hinaus zu klingen.
Als das Lied fertig war, umarmte der Mann jeden von ihnen. Sepp gab ihm ganz spontan die Decke. Heino kramte aus seinem Rucksack, er konnte sich gar nicht erinnern, ihn umgehängt zu haben, eine Wurst, eine Tafel Schokolade, Kekse, ein halbes Brot und einen Apfel hervor.
Als sie wieder draußen vor der Tür standen, sahen sie sich kurz an. Dann fielen sie sich in die Arme und ließen ihren Tränen freien Lauf. Sie wussten nicht, warum sie weinten, es kam einfach über sie. „Frohe Weihnachten, Heino.“ „Frohe Weihnachten, Sepp.“
Schweigend traten sie den Rückmarsch an. Nach einer Weile fragte Heino: „Du, Sepp, glaubst du, dass ER noch einmal wiederkommen wird?“ „Ich hoffe es sehr“, sagte Sepp. Kurz bevor sie bei ihrem Fahrzeug und den zurückgebliebenen Kameraden waren, sagte Heino: „Ich auch. Wir brauchen IHN so.“ Das Haus schien noch immer in ein eigenartiges Licht getaucht zu sein.
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Tina Lechner aus Heilbronn | 16.12.2020 | 07:59  
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