Lok des Monats März
Zusammenfassung zum Modell des Monats März 2026
- BING Modell
- Foto: ECH - Matthias Müller
- hochgeladen von Eisenbahnclub Heilbronn e.V.
Als Lok des Monats März 2026 wurde am 08.03.2026 ein sog. Birmingham Dribbler mit der Spurweite 2 ½“ (63,5 mm) vorgestellt. Das Modell wurde von einem der Pioniere der Modelleisenbahn, der weltbekannten Firma Bassett-Lowke in Northampton (England) zu Beginn der 1970er Jahre als Replikat eines sog. Birmingham Dribblers für den Händler Steam Age in London gefertigt.
Wie immer in der Vortragsreihe „Lokomotive des Monats“ wurde ein Modell der vorzustellenden Lokomotive bzw. des Schienenfahrzeugs präsentiert und es lag Literatur zum Vorbild zur Ansicht aus. Im Falle der Lok des Monats März 2026 ist das Modell gleichzeitig das Vorbild, weshalb ebenfalls umfangreiches Literaturmaterial zu historischen Spielzeug Echtdampflokomotiven vorgestellt wurde.
Im ersten Teil des Vortrags erfolgte zunächst eine kurze Zusammenfassung der Geschichte von Steam Age, einem Mekka des Dampfmodellbaus.
Bei diesem Händler konnten alle erdenklichen dampfbetriebenen Modelle von stationären Maschinen, Schiffsdampfmaschinen, Dampftraktoren, Dampfwalzen und natürlich Dampflokomotiven erworben werden.
Es wurden Eigenbauten, Kleinserienmodelle und historische Spielzeuge angeboten. Um auf Eisenbahnen fokussiert zu bleiben: Hinsichtlich der möglichen Baugrößen, Maßstäbe und Spurweiten blieben keine Wünsche offen. Von Spur 0 (Maßstab 1:45; Spurweite 32 mm) bis zu Lokomotiven in Spurweite 7 ¼“ (184 mm; Maßstab 1:8) und sogar noch größer, konnte alles käuflich erworben werden – das nötige Kleingeld vorausgesetzt.
Im Weiteren wurde im ersten Teil des Vortrags auf die Geschichte der Fa. Bassett-Lowke eingegangen. Dieses Unternehmen, das 1899 von Wenman Joseph Bassett-Lowke in Northampton als Versandhandel gegründete Unternehmen war einer der Pioniere des Modellbahngedankens und hat diesem über die gesamte Zeit seines Bestehens entscheidende Impulse gegeben.
Wenman Bassett-Lowke bot Interessierten, die selbst eine Dampfmaschine oder Lokomotive bauen wollten, Komponenten an, die er selbst in der Firma seines Vaters (Besitzer einer Dampfkesselreparaturwerkstatt) hergestellt hatte. Bereits 1899 erschien der erste Katalog von Bassett Lowke.
1900 fand in Paris die Weltausstellung statt. B-L besuchte die dort ausstellenden Spielzeughersteller aus Deutschland, knüpfte Kontakte zu diesen und lernte dabei u.a. Stephan Bing (Juniorchef der weltberühmten Fa. Gebrüder Bing aus Nürnberg, dem größten Spielzeughersteller der Welt) kennen.
Er war von der Qualität der Produkte der deutschen Hersteller beeindruckt und schloss mit der Fa. Bing einen Vertrag zur Lieferung von Eisenbahnmodellen, die in den Farben britischer Gesellschaften lackiert sein sollten. Die Modelle hatten zwar Farben britischer Gesellschaften, ihr Aussehen war allerdings durchweg deutsch und in den Augen von B-L sowie seiner Kunden aus Großbritannien zu spielzeughaft.
B-L entwarf daraufhin eine Lokomotive nach einem Vorbild der LNWR, die berühmte „Black Prince“, die von Bing im Modell in Spur 3 (2 ½“ = 63,5 mm) als Echtdampflok umgesetzt wurde.
Der Erfolg dieser ersten Lokomotive ermutigte B-L, außer von Bing auch von anderen deutschen Herstellern Modelle zu beziehen. B-L wurde daraufhin später von der Göppinger Fa. Märklin und – was sich als äußerst fruchtbar erweisen sollte – von der Nürnberger Fa. Carette beliefert.
1901 wurde der Ingenieur und Konstrukteur von Echtdampf-Miniaturlokomotiven, Henry Greenly, eingestellt. Greenly unternahm viele Reisen auf den europäischen Kontinent um im Auftrag von B-L die dortigen Spielzeughersteller zwecks technischer Abstimmung zu besuchen. Die Modelle, die von Carette für B-L gefertigt wurden, zeichneten sich durch ihre Eleganz und die künstlerische Interpretation der Realität aus. Carettes Lithographie blieb übrigens in ihrer Qualität unerreicht
Das Jahr 1904 markiert einen weiteren Meilenstein in der Geschichte der Modell-eisenbahn: Die Fa. Georges Carette entwarf für B-L das erste kommerzielle, maßstabsgetreue Modell einer Lokomotive, das in Serie gefertigt wurde. Die „Lady of the Lake“ in der Spur 1 war ein eindrucksvolles Beispiel deutscher Handwerkskunst und stellte eine gelungene Nachbildung der Ramsbottom „Problem Class“ der LNWR dar.
Außer von Modellen in den Spuren 0, 1, 2 und 3 begann B-L nach Gründung der Fa. „The Miniature Railways of Great Britain Ltd.“ mit der Entwicklung und Fertigung von Dampflokomotiven in der Spurweite 15“ (381 mm) mit dem Ziel, „Landgüter und Parks von Gentlemen mit kompletten Eisenbahnen auszustatten“.
Im Vortrag wurden Bilder von bekannten Modellen der Firmen Bing, Carette, Schoenner (alle 3 aus Nürnberg) und des Göppinger Herstellers Märklin gezeigt.
Darunter das eindrucksvollste Modell, das jemals von einem deutschen Spielzeug-hersteller gefertigt wurde: Eine Lokomotive der Klasse B XI der Königlichen Bayerischen Staatsbahn mit dem Namen „Luitpold“ - im exakten Maßstab 1:10, hergestellt 1900 von der Fa. Jean Schoenner für die Weltausstellung in Paris.
Der 1. Weltkrieg führte zur ersten Zäsur in der Kooperation von B-L mit seinen kontinentalen Lieferanten, allen voran den deutschen Herstellern. Da Georges Carette Franzose war, mußte er Deutschland verlassen, was das Ende dieses Lieferanten für B-L bedeutete.
B-L erwarb nach dem 1. Weltkrieg einige Werkzeuge und Konstruktionsunterlagen von Carette und begann, die Äquivalente der früheren Carette Modelle in Groß-britannien bei einem seiner dortigen Partnerunternehmen selbst herzustellen.
Nach 1918 lieferte Bing wieder hochwertige Modelle an B-L, es wurden aber auch Kooperationen mit Herstellern aus UK eingegangen.
Ab 1919 wurden in den nun erweiterten Produktionsanlagen neue Massenfertigungs-technologien eingeführt, die im Wesentlichen der Fertigung von Modellbahnen kleinerer Baugrößen dienen sollten. 1922 wurde eine Niederlassung in New York (USA) eröffnet. 1924 wurde die kleinste Eisenbahn der Welt an die britische Königin geliefert.
Ab Mitte der 1920 Jahre verschob sich das Kundeninteresse von den großen Spur-weiten hin zur Baugröße 00, von der bereits die ersten von Bing entwickelten Exemplare von B-L vertrieben wurden. Die 1928 von Stephan Bing nach seinem Aus-scheiden aus der Fa. Bing gegründete Trix Ltd. begann mit der Realisierung der zweiten Generation von Bahnen der Baugröße 00, wobei Bing und B-L eng zusammenarbeiteten.
Für die Fahrzeuggeneration Trix-Express von 1935 organisierte Stephan Bing die Fertigung der Antriebe, Fahrwerke und Gehäuse in Deutschland, bis für ihn die Situation in Deutschland unerträglich wurde. B-L organisierte die Ausreise von Bing und seines Geschäftspartners Siegfried Kahn nach Großbritannien; beide hatten bereits vorher in UK ein Unternehmen zur Herstellung von Konstruktionsspielzeug gegründet
Mitte der 1930er Jahre geriet B-L aufgrund der Insolvenz des Hauptlieferanten Bing und des Komplettausfalls von Carette als Lieferant während des 1. WK in eine Lieferkrise; man wandte sich an Märklin, um die Lücken im Angebot zu schließen. Im Vortrag wurden Bilder der wichtigsten Lokomotiven, die von Märklin für B-L gefertigt wurden, gezeigt.
Der Beginn des 2. WK beendete schließlich endgültig die Kooperation von B-L mit seinen deutschen Lieferanten. Ab 1946 wurde die Produktion von Modelleisenbahnen – allerdings ausschließlich in der Spur 0 - wieder aufgenommen. Professionelle Modelle für Bahngesellschaften und Hersteller von Schienenfahrzeugen wurden aber weiterhin auch in größeren Maßstäben gefertigt
1953 stirbt W.J. B-L. Ab Ende der 1950 Jahre gingen die Geschäfte zurück, eine Entwicklung, die sich in den 1960er Jahren noch beschleunigte. 1964 wurde der Einzelhandel eingestellt und die Geschäfte – u.a. das berühmte in High Holborn in London - wurden an die Spielwarenkette Beatties verkauft. Die ursprüngliche Fa. B-L stellte 1965 den Geschäftsbetrieb ein und wurde aufgelöst; die Familien B-L und Franklin verkauften 1967 ihre Anteile.
Zum Ende des 1. Teils des Vortrags wurde erläutert, daß 1968 versucht wurde, dem berühmten Namen Bassett-Lowke wieder zu neuem Glanz zu verhelfen, als 3 Herren – darunter ein ehemaliger leitender Mitarbeiter der Fa. B-L 1968 - die Fa. Bassett-Lowke Railways Ltd. gründeten.
Bereits 1968 wurde ein erster Katalog herausgegeben. Auch eine Preisliste erschien. Im Katalog wurden einige Lokmodelle angekündigt und es wurden Lokomotiven verkauft. Der Erfolg bliebt aber hinter den Erwartungen zurück und auch eine kleine Serie von Echtdampflokomotiven für 3 ½“ Spurweite erfuhr keine Wiederholung. Vor dem Ende wurden aber offensichtlich noch einige „Birmingham Dribbler“ gefertigt und an die Fa. Steam Age geliefert – eine davon die Lokomotive des Monats März 2026.
Der zweite Teil des Vortrags widmete sich ausschließlich dem Spielzeugklassiker „Birmingham Dribbler“ und dem Exponat der Lok des Monats März 2026.
Die Zuhörer erfuhren woher diese Spielzeuglokomotiven ihren Spitznamen bekamen und ab wann eine Serienfertigung dieser Modelle nachweisbar ist. Als nächstes wurden die damaligen Hersteller solcher Lokomotiven, die zu Beginn übrigens gar keine Schienen hatten, vorgestellt. Mit Hilfe von Bildern dieser ersten sogenannten Bodenläufer wurden die typischen Merkmale der Modelle und die Unterschiede zwischen den Lokomotiven verschiedener Hersteller erläutert.
Anhand des Exponats – es ist ein Replikat, entspricht aber exakt einem Klassiker des bekannten Herstellers Stevens Model Dockyard von 1888 - wurde der Aufbau eines solchen „Birmingham Dribblers“ und seiner Hauptbaugruppen detailliert erläutert.
Die Zuhörer erfuhren, welche Werkstoffe damals verwendet wurden und lernten typische zeitgenössische Fertigungsverfahren kennen. U.a. wurde anhand des Exponats gezeigt, daß nicht immer Schienen zum Betrieb der Lokomotiven vorhanden und auch nicht zwingend notwendig waren. Es wurde über Brennstoffe und die damals von ihnen ausgehende Gefahr für die Böden in der guten Stube referiert. Von den Schäden durch den üblichen Wasseraustritt ganz zu schweigen…
Während und nach dem Ende des Vortrags wurden Fragen aus dem Auditorium beantwortet. Mit der sich daran anschließenden sehr produktiven Diskussionsrunde zur Lok des Monats ging die Veranstaltung dann nach ca. 2 Stunden zu Ende.
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