Wenn aus Hyperfokus Bilder entstehen
Mein Blick auf die Dinge

Foto: Stephanie Rüdele
6Bilder

Im Februar dieses Jahres bekam ich die Diagnose ADHS. Mit Mitte 40. Die Diagnose kam spät. Für mich war es aber vor allem eines: endlich eine Erklärung. Plötzlich ergaben viele Dinge in meinem Leben Sinn. Warum mich manches mehr Kraft kostete als andere Menschen. Warum ich ständig das Gefühl hatte, mich besonders anstrengen zu müssen, um den Alltag zu organisieren. Warum ich oft erschöpft war und mich einem Burnout näher fühlte, als mir lieb war. Nach außen funktionierte vieles. Ich hatte gelernt zu kompensieren. Doch dieses Funktionieren hatte seinen Preis. Heute weiß ich auch, dass ich meine Umgebung anders wahrnehme als viele andere Menschen. Mir entgehen selten Details. Ich nehme ständig Eindrücke, Geräusche, Farben, Bewegungen und kleine Veränderungen wahr. Im Alltag kann das sehr anstrengend sein, weil mein Gehirn vieles gleichzeitig verarbeitet. Seit der Diagnose betrachte ich mein Leben mit anderen Augen. Ich suche nicht nach Ausreden für Vergangenes, sondern nach Verständnis. Und dabei habe ich auch etwas erkannt: ADHS bringt nicht nur Herausforderungen mit sich. Es gibt auch Eigenschaften, die wertvoll sein können. Eine davon ist für mich die Fotografie. Schon seit vielen Jahren bin ich mit der Kamera in unserer Region unterwegs. Oft früh am Morgen oder abends, wenn das Licht besonders schön ist. Während andere vielleicht den Sonnenuntergang betrachten, bleibe ich manchmal an einer einzelnen Blüte, einem Tautropfen oder einem Lichtstrahl hängen. Früher verstand ich nicht, warum ich mich so sehr in solchen Details verlieren konnte. Heute weiß ich, dass genau dort mein Hyperfokus beginnt. Wenn mich etwas fasziniert, blende ich vieles um mich herum aus. Dann zählen nur noch Licht, Farben, Formen und der richtige Moment. Aus diesem intensiven Fokus entstehen viele meiner Bilder. Neulich Abend stand ich vor einem Getreidefeld. Die meisten Menschen hätten vermutlich den Sonnenuntergang fotografiert. Doch ich sah die einzelne Mohnblüte. Je länger ich hinsah, desto unwichtiger wurde alles andere. Am Ende fotografierte ich nicht die Landschaft, sondern nur diese eine Mohnblüte im Abendlicht. Früher hätte ich gedacht, dass ich mich wieder einmal ablenken lasse. Heute sehe ich darin eine Stärke. Die ADHS-Diagnose hat mein Leben nicht verändert. Aber sie hat meinen Blick auf mich selbst verändert. Sie hat mir geholfen zu verstehen, warum ich bin, wie ich bin.Und vielleicht gibt es da draußen noch andere Menschen, die sich oft „anders“ fühlen oder die glauben, mit ihnen stimme etwas nicht. Vielleicht haben auch sie einen Bereich, in dem sie völlig aufgehen. Etwas, das sie stundenlang machen können, ohne die Zeit zu bemerken. Vielleicht lohnt es sich, genau dort hinzuschauen. Denn manchmal versteckt sich hinter dem, was uns lange belastet hat, auch eine besondere Fähigkeit. Bei mir ist es die Fotografie.

Foto: Stephanie Rüdele
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Privatperson:

Stephanie Rüdele aus Zweiflingen

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