Denn das Leben des Einzelnen ist wertlos...

Burundi ist ein hügeliges, grünes Land im Herzen Afrikas
 
Nicolas Malz, Mitglied des Vereines, besuchte 2018 das Hospiz

„Wie ist die Situation bei Euch?“ -fragt uns eine Krankenschwester des Hospizes Ste Elisabeth. Das Gespräch per internet klappt einigermaßen. Sie ruft mich aus Burundi an, eins der ärmsten Länder der Welt im Herzen Afrikas. Das Hospiz und Pflegeheim wird seit 2013 vom hohenloher Verein African Lives eV unterstützt. Ich antworte, traurig: Kontaktbeschränkungen, keine Schule, Läden zu, Home Office... Daraufhin sie, nachdenkend, erleichtert, fast froh : „Bei Euch ist jedes Leben wertvoll“.

Die Regierung Burundis hat sich im Laufe der letzten fünf Jahre in eine brutale Autokratie verwandelt. in Anbetracht der globalen COVID-19 Pandemie verschlimmert dieSE DIE ohnehin prekäre Lage der burundischen Bevölkerung nur weiter. Während wir in Europa um jedes Menschenleben kämpfen, ist in Burundi jeder sich selbst der nächste.

Am Tanganjikasee, zwischen Tansania und der Demokratischen Republik Kongo, liegt der kleine Binnenstaat Burundi. Die knapp elf Millionen Einwohner dieses dicht besiedelten Landes gehören zu den Ärmsten der Welt. Sie zählen außerdem zu den unglücklichsten. Und sie haben allen Grund dazu: Seit jeher ist die Geschichte Burundis von Gewalt, Konflikten, Korruption und Nepotismus geprägt.
Die friedlichsten Jahre begannen mit den Abkommen von Arusha, mit denen der seit Jahren andauernde Bürgerkrieg 2005 ein Ende fand. Seitdem ist Pierre Nkurunziza — nach eigenen Angaben der „von Gott gewählt[e]“ — Präsident der bescheidenen Republik, deren Größe etwa der des Bundeslandes Brandenburg entspricht. Seitdem seiner dritten, umstrittenen Wahlperiode 2015 gibt es heftige politische Unruhen und eine zunehmende autoritäre, reaktionäre Politik. Politisch motivierte Morde nahmen zu, die ohnehin vorhandenen ethnischen Spannungen verschärften sich und die Meinungsfreiheit wurde auf ein Minimum reduziert.
Nkurunziza, der sich von 2018 an öffentlich als „oberster und ewiger Führer Burundis“ inszeniert, bereitet die nächsten Wahlen am 20. Mai vor, und hier spielt ihm die COVID19 Pandemie wahltaktisch in die Hände.

Die Not der selbst im regionalen Vergleich „chronisch unterernährten“ sowie armen Bevölkerung könnte kaum größer sein; dennoch: anstelle einer Pandemiebekämpfungsstrategie durchzuführen, lässt er verkünden, Burundi sei bestens vorbereitet und habe nichts zu befürchten — das Land sei schließlich „von Gott geschützt“. Diese Aussage ist in der Region ähnlich; benachbarte Autokraten wie Tanzanias John Magufuli, weigerte, die Kirchen zu schließen, mit der Begründung, dass das Virus „nicht im Körper Christi überleben könne“.
So bleiben Schulen, Märkte und öffentliche Einrichtungen in Burundi geöffnet, Gottesdienste finden weiterhin statt. Bis auf die öffentliche Bereitstellung von etwas Wasser zum Händewaschen steht kein staatliches Handeln der Ausbreitung des Virus im Weg. Dass das Gesundheitssystem Burundis die Pandemie effektiv bekämpfen könne und bestens vorbereitet sei, wie es das Gesundheitsministerium verkünden ließ, ist eine fragwürdige Aussage. Auf die Pandemie und ihre imminente Gefahr aufmerksam zu machen heißt, die Aussagen der Regierung zu leugnen und wird bestraft. Unter der Bevölkerung wird so der Irrglaube verbreitet, das Virus treffe nur Sünder und Mzungu, die „Weißen“, während die Regierung alles unter Kontrolle hat.
Der internationale Flughafen in Bujumbura ist offiziell geschlossen. Trotzdem starten und landen täglich Maschinen, hauptsächlich Frachter, die natürliche Ressourcen, wie seltene Mineralien oder Gold, laut Medienberichten primär nach China exportieren. Burundi hat wenig Vorkommen dieser exportierten Ressourcen. Die Antwort auf ihre Herkunft liegt vermutlich in den benachbarten Provinzen der Demokratischen Republik Kongo und deren informalen Rohstoffsektor. So kommt die Regierung an dringend benötigten Devisen, die dem sonst isolierten Land und Regime das Überleben sichern. Während die Machteliten des Landes mit diesem Geld die Supermärkte für ihre eigene Versorgung leerkaufen und sich absichern, wird die übrige Bevölkerung ihrem Schicksal überlassen.
Kirchliche Institutionen und wenige zivilgesellschaftliche Organisationen können helfen, doch wie sollen sie die Herausforderung Covid-19 alleine stemmen?
Beinahe alle Hilfsorganisationen haben inzwischen das Land verlassen oder verlassen müssen. Die Entwicklungszusammenarbeit der EU-Staaten mit Burundi wurde weitestgehend suspendiert. Bisher hilft vor allem die Volksrepublik China, Burundis wichtigster ökonomischer Partner, wahrscheinlich nicht nur aus Gründen der Solidarität.
Die finanziellen Lebensadern aus dem Ausland werden von der Regierung gekappt, in dem sie aus dem Ausland überwiesene Devisen „besteuert“ und den Wechselkurs fixiert. Nicht-staatliche, soziale Organisationen können kaum was gegen die anstehende, offiziell nicht anzusprechende Katastrophe ausrichten.

Zu den Betroffenen zählen auch unsere Partnerorganisation des Hospizes und Pflegeheimes Ste Elisabeth, eine der vielen Einrichtungen einer katholischen Gemeinde, die in Burundi sozial tätig sind. Sie sehen die dramatischen Entwicklungen und müssen tatenlos zuschauen. Das Heim wurde seit Wochen aus eigener Initiative abgeriegelt, um die Heimbewohner zu beschützen. Die vom Verein unterstützten Aktivitäten wie soziale Besuche der Jüngeren, die für die verlassenen, kranken Menschen so wichtig sind, wurden suspendiert. Medikamente sind knapp, frische Lebensmittel zu beschaffen ist ein Risiko.

Nachdem wir telefonisch erklärt haben, wie die Situation in Deutschland ist -Kontaktbeschränkungen, Gaststätten und Schulen zu, usw. - fasst eine Schwester fassungslos zusammenfassen: Das Leben des Einzelnen hat hier keinen Wert mehr.

Es bleibt fraglich, ob dies der Regierung und den korrupten Eliten Burundis je am Herzen lag.

Sollte der von ethnischer Identitätspolitik geprägte Staat im worst case Szenario kollabieren und das Land in einen Bürgerkrieg ziehen, wird das Recht des Stärkeren einsetzen, wie einst 1996 beim Völkermord im benachbarten Ruanda. Die humanitäre und staatliche Krise von gewaltigem Ausmaß würde ein weiterer trauriger Meilenstein in der Geschichte dieses Landes sein, bei dem die Welt nie intervenierte — schließlich schaut kaum jemand hin.

Der Hohenloher Verein African Lives e.V. (www.africanlives.de), setzt sich für ein würdiges Leben benachteiligter Menschen in Burundi ein.

Fotos: Nicolas Malz, Bujumbura, Burundi 2018
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