Einblicke in den Kocherstettenrundgang, Teil 5
Auswanderung im 19. Jahrhundert - ein Thema auch in Kocherstetten
- Anzeige im Kocher- und Jagstboten (KoJaBo) vom 18. Februar 1913
- Foto: Eigene Aufnahme
- hochgeladen von Angelika Di Girolamo
Das Thema Auswanderung begegnete mir mehrfach bei meinen Recherchen zur Ortsgeschichte von Kocherstetten. Im Kapitel zur früheren "Restauration zur Harmonie" erfährst du, dass beide Söhne des Orgelbauers, Kaufmannes und Gastwirtes Johann Peter Gutöhrle nach England auswanderten. Über die Gründe lässt sich in ihrem Fall nur spekulieren, denn sie hätten durchaus bei den Eltern mitarbeiten können - an Arbeit mangelte es sicher nicht. Doch hätten drei Familien von dem Betrieb gut leben können?
Ich vermute, dass jeder der Brüder sich etwas Eigenes aufbauen wollte und hierfür in England bessere Chancen erhoffte.
Wie es Karl und Robert Gutöhrle in England ergangen ist, weiß ich (noch?) nicht. Karl blieb meines Wissens nach in England, der jüngere Bruder Robert (im Familienregister der Gemeinde Kocherstetten als Kaufmann geführt) kehrte nach dem Tod seines Vaters nach Kocherstetten zurück, um dort den "schuldenfreien"! Betrieb weiterzuführen.
Andere Hinweise auf Auswanderungen aus Kocherstetten und Umgebung konnte ich im Zeitungsarchiv des Kreisarchives ausfindig machen, das im Untergeschoss des Landratsamtes Künzelsau untergebracht ist - siehe Abbildungen ... bis ...
Es folgt der Text von den Seiten 26 und 27:
Die Harmonie
Das heutige Pflegeheim „Alte Harmonie“ besteht seit 1990. Das Gebäude stand zuvor um die zwanzig Jahre leer. Nach dem Kauf des Anwesens durch Frau Hess-Feldbach wurde das Haus restauriert, wobei die früheren, auf dem historischen Foto erkennbaren Gestaltungselemente beibehalten und in einem Anbau wieder aufgenommen wurden.
Die Geschichte der Harmonie beginnt mit dem Orgelbauer Johann Peter Gutöhrle. Er wurde als Sohn des Müllers Johann Bernhard Gutöhrle und seiner Frau Katharina geb. Eberle am 30. Juli 1814 in Heilbronn geboren und starb am 29. Mai 1882 in Kocherstetten. 1836 renovierte er die Orgel der Johanneskirche in Künzelsau. Im Jahr 1846 baute er eine Orgel in Neckarwestheim. 1850 zog Gutöhrle nach Kocherstetten. Eine Anzeige im Kocher-Jagst-Boten vom 24. Mai 1852 zeigt, dass er weiterhin an Aufträgen als Orgelbauer interessiert war :
„K o c h e r s t e t t e n. (Berichtigung und Empfehlung.) Ein Individuum, des Orgelbauwesens unkundig, sucht sich dadurch Arbeit zu verschaffen, daß es sich als Orgelbauer von Künzelsau ausgibt. Da ich zwar früher in Künzelsau wohnte, mich aber schon seit 2 Jahren hier angekauft habe, so setze ich die Gemeinden hievon in Kenntnis mit der Bitte, mich auch hier mit ihrem Zutrauen zu beehren, in dem mir in meinem Fach die besten Zeugnisse zur Seite stehen und durch tüchtige Geschäftsausführung das mir geschenkte Vertrauen rechtfertigen werde.
Den 24. Mai 1852. Orgelbauer Gutöhrle.“
Es ist belegt, dass Gutöhrle auch nach 1850 als Orgelbauer tätig war. So reparierte er 1855 die Orgel der Stadtkirche in Waldenburg und baute 1857 die Orgel der Kirche in Pfitzingen um. Doch Gutöhrle ging auch anderen Beschäftigungen nach. In den Familienregistern Künzelsau und Kocherstetten ist er als Orgelbauer, Kaufmann und Wirt eingetragen. Von 1868 bis 1877 zahlte er neben Grund- und Gebäudesteuern auch Gewerbesteuern. Ab 1865 führte er einen Kaufladen. 1875 erwarb er ein persönliches Schankrecht. Es darf angenommen werden, dass er bald darauf die Schankwirtschaft „Harmonie“ eröffnet hat. Zum angekauften Anwesen gehörten auch Gärten, Äcker, ein Weinberg, Waldungen und Fischwasser, so dass es sicherlich nie an Arbeit mangelte.
Johann Peter Gutöhrle heiratete am 10. Februar 1846 Friederike Roll (geboren 1816 in Künzelsau). In dieser Ehe wurden zwei Söhne geboren: Karl am 20. Mai 1847 und Robert am 12. November 1849, beide in Künzelsau. Doch Friederike Gutöhrle starb im Alter von nur 36 Jahren am 17. September 1852.
Am 10. Juli 1853 schloss Johann Gutöhrle seine zweite Ehe, und zwar mit Karoline Magdalen Margareta Rothacker (geboren 1827 in Kupferzell als Tochter des Chirurgen Johann Peter Rothacker und seiner Frau Catharina Barbara geb. Waldmann). Karoline Gutöhrle starb am 31. Juli 1894 in Kupferzell.
Beide Söhne wanderten nacheinander im Alter von 20 Jahren nach England aus: Karl 1867 und Robert 1869 (siehe auch Seite 84 zum Thema Auswanderung im Kocher-Jagst-Boten).
Um das Jahr 1875 beschlossen Johann und Karoline Gutöhrle, einen Neubau in villenähnlichem Stil zu errichten, was ungewöhnlich und bereichernd für ein Dorf wie Kocherstetten war. Das Gebäude hatte zur Straße hin zwei Eingänge mit unterschiedlich gestalteten Türen und Fenstern, darüber war je eine Giebelgaube angebracht. Der linke Eingang führte zu den Wohnräumen, der rechte zur Gast-wirtschaft und zum Gemischtwarengeschäft. Die Wirtschaft hatte zwar keinen zusätzlichen Saal wie die beiden anderen Gasthäuser im Ort, dafür lag vor dem Haus ein großer ummauerter Garten, der idyllisch mit Bäumen und Fliederbüschen bestanden war und ab 1899 als Gartenwirtschaft diente. An den Steinpfosten der Eingangspforte ließen die Eheleute ihre Initialen und die Jahreszahl 1875 einmeißeln, nämlich links J 18 G und rechts K 75 G (siehe auch Seite 31 oben).
Johann Gutöhrle starb am 29. Mai 1882 in seinem 68. Lebensjahr. Er hatte ein Testament verfasst, in dem der Vermerk „Schuldenfrei!“ auf der Titelseite eingetragen war.
Am 26. Juni 1882 kehrte Sohn Robert aus England zurück. Dies ist durch eine Einbürgerungsurkunde dokumentiert, die er in Ellwangen erhielt. Darin wurde dem Kaufmann Robert Gutöhrle die Staatsangehörigkeit des Königreiches Württemberg erneut verliehen, die er durch seine Auswanderung vor 13 Jahren verloren hatte. Am 31. Juli 1882 heiratete er Katharina Bauer, 1883 wurde Tochter Lina und 1884 Sohn Karl geboren. Robert Gutöhrle führte die „Restauration zur Harmonie“ und den Gemischtwarenladen bis zu seinem Tod am 16. Februar 1913.
Tipp:
Eine große Anzahl spannender Geschichten von Auswanderungen nach England, in die U.S.A., nach Kanada oder Australien findest du hier
Auch die ungewöhnliche Auswanderungsgeschichte von Carl Stock junior, Sohn des angesehenen Bau-Inspektors und Salinenbaumeisters Carl Stock sen. (der die Brücke in Kocherstetten zum zweiten Mal gebaut hatte!) ist unter obigem Link aufrufbar. Am 11. Mai 1858 notierte Carl Stock jun. in seinem Tagebuch, "Abreiße von Hall, Vorm 10 Uhr". Seine unvorstellbar lange Schiffsreise führte ihn von Hall über Heidelberg, Köln und Rotterdam zunächst nach Liverpool, wo er am Abend des 20. Mai eintrifft. Doch die Reise geht viel weiter ... Lies am besten selbst!
(sinngemäß zitiert nach der Ausarbeitung der "Geschichtswerkstatt - Förderverein Stadtarchiv und Kreisarchiv Schwäbisch Hall"
Sehr interessant ist auch der Beitrag der Geschichtswerkstatt zu den Hohenloher Metzgern in England:
"Die Geschwister Sieber _ 1884 - zeitweilig und dauerhaft in England", ebenfalls unter obigem Link zu finden.
Noch weiter gehende Informationen gibt es in der Veröffentlichung des Stadtarchives Schwäbisch Hall:
Migrationen. Zuwanderung nach und Auswanderung aus Schwäbisch Hall 1600 –1914.
Hg. von Andreas Maisch und Daniel Stihler, Schwäbisch Hall
Stadtarchiv Schwäbisch Hall 2018. 404 S., mit Abb., ISBN 978-3-932146-43-5
Ausleihbar im Stadtarchiv Schwäbisch Hall.
Privatperson:Angelika Di Girolamo aus Künzelsau |
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