Einblicke in den Kocherstettenrundgang, Teil 2
Die Kocherbrücke: Romantisierung 1936, Zerstörung 1945, Neuaufbau ab 1954 und Einweihung 1955

Fremdenverkehrsprospekt aus dem Jahr 1936, Sammlung E. Musazzi-Einsele | Foto: Eigene Aufnahme
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  • Fremdenverkehrsprospekt aus dem Jahr 1936, Sammlung E. Musazzi-Einsele
  • Foto: Eigene Aufnahme
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Die Steinbrücke von Kocherstetten hat eine lange Geschichte!

Was wir heute in Kocherstetten  sehen und bewundern können, ist die dritte Brücke, eingeweiht im Juli 1955, siehe letztes Bild.
Über ihre zwei Vorgänger habe ich in  Teil 1 berichtet.
Hier nun die Texte von S. 19-21 des Buches:

"1936: Kocherstetten wirbt für „Das schöne Kochertal“

Es gibt nur einige wenige Bilder oder Fotografien von Kocherstetten mit der Steinbrücke von 1833 (siehe S. 56).
Eine romantisierende Darstellung der Brücke mit dem Dorf, dem Schlossberg und Schloss Stetten ist auf der Vorderseite eines Fremdenverkehrsprospektes aus dem Jahr 1936 zu sehen. Die Brücke wird gerundeter dargestellt als sie in Wirklichkeit war, und die üppigen Weinreben im Vordergrund des Bildes lassen an ein sorgloses Leben im Dorf glauben.
Doch die Idylle täuscht, denn die Machtergreifung der Nationalsozialisten lag gerade einmal drei Jahre zurück und am 1. September 1939 begann der verheerende Zweite Weltkrieg.
Die Kriegs- und Nachkriegsjahre waren eine schwere Zeit für die Kocherstettener, wie viele Zeitzeugen berichteten.
In jeder Familie war jemand eingezogen worden und viele Tote und Vermisste waren zu beklagen. Gegen Kriegsende gab es auch in Kocherstetten Tote und Verletzte.

1945: Zweite Zerstörung der Brücke
Im Frühjahr 1945 war der Krieg für das „Tausendjährige Reich“ de facto schon verloren. Trotzdem beauftragten am 9. April 1945 zwei Wehrmachtsoffiziere den Volkssturmführer Karl Gutöhrle (Lehrer und vermutlicher Enkel von Orgelbauer Gutöhrle) mit Vorbereitungsarbeiten für die Brückensprengung. Da die Bürger die Arbeit verweigerten, wurden zwei französische Kriegsgefangene hierzu eingesetzt. Der damalige Bürgermeister Heinrich Werner hatte noch versucht, die Sprengung der Brücke abzuwenden. Doch dies stieß bei den Offizieren auf stärksten Widerstand und die Abführung des Bürgermeisters wurde angedroht. „Die Sprengung der Brücke erfolgte am 10. April um 22:30 Uhr. Die Sprengung hatte jedoch keine volle Wirkung auf die Zerstörung. Es wurden nur die Aufbauteile des Mittelpfeilers herausgesprengt. Über die zerstörte Strecke fertigten später Pioniere der amerikanischen Truppen eine Notbrücke, welche 2 Jahre in Benützung stand. Im Jahre 1947 erfolgte dann der Bau einer Ersatz-Notbrücke. … Über den Zeitpunkt des Ausbaus einer neuen Brücke ist vorläufig nichts bekannt.“ *
Vier Wochen nach der sinnlosen Sprengung endete am 8. Mai 1945 in Europa der Krieg mit der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht.
*sinngemäß zitiert aus dem Bericht des Bürgermeisters Heinrich Werner vom 22. Februar 1950, vgl. Quellenangaben, Seite 94, dort unter „Webseiten“ ein Link zum vollständigen Bericht über die letzten Kriegstage in der Gemeinde Kocherstetten

1954/55: Der dritte Bau der Brücke
Der dritte Bau der Brücke begann 1954, neun Jahre nach Kriegsende. In einem Bericht der Hohenloher Zeitung zur Einweihung der neuen Brücke vom 8. Juli 1955 liefert Redakteur Ekkehard Würstle interessante Einzelheiten zum Neubau der Brücke:
„Der sinnlosen Sprengung waren damals zwei Öffnungen zum Opfer gefallen. … Auf den Pfeilern des 1831 errichteten Bauwerks wurden die Arbeiten von der Firma Jag, Künzelsau-Bad Mergentheim im vergangenen Jahr in Angriff genommen. Ausdrücklich war bei der Plangestaltung der Wunsch vermerkt worden, die Brücke müsse, um dem bestehenden Landschaftsbild gerecht zu werden, in gleicher Weise, wie die zerstörte wieder errichtet werden. Diesem Wunsch hat man entsprochen: der neue Bau steht mit gleicher Spannweite wieder an derselben Stelle. Aus Ersparnisgründen hat man jedoch dieses mal die Gewölbe betoniert und nur die Außenverkleidung mit Muschelkalk-Platten, die teilweise noch vom alten Bau stammten, versehen. Gegenüber der alten Brücke hat man die Neuanlage … verbreitert und dadurch eine Fahrbahnbreite von 6m (alte Brücke 4,50m) erreicht. Hierzu kommen noch zwei Gehwege mit je einem Meter Breite. … An weiteren Verbesserungen kann die Abflachung des ehemals bestehenden steilen Anstiegs von der Ortschaft aus angeführt werden. … Die Gesamtlänge des Baues, der für eine Tragfähigkeit von 45 Tonnen konstruiert wurde, beträgt 75 Meter. …“
Foto: Reproduktion aus der Hohenloher Zeitung vom 8.Juli.1955, Nr. 157, Seite 5, Name des Fotografen: Jung

Feierliche Brückeneinweihung am 8. Juli 1955
Für 310 000 DM hatte das Land Baden-Württemberg in einem Jahr die Brücke gebaut, und nun wurde zum Festakt eingeladen. Werfen wir noch einmal einen Blick in den Artikel von Ekkehard Würstle:
„Die jetzt fertiggestellte Brücke, deren festliche Einweihung am heutigen Freitag in Anwesenheit hoher Regierungsvertreter – unter ihnen Innenminister Ulrich und Regierungspräsident Schöneck – stattfindet, wurde allen modernen Anforderungen gerecht. … Unter Leitung von Bauingenieur Eberhard vom Straßenbauamt Künzelsau wurde beinahe bis zur letzten Minute gearbeitet. Obwohl sich die Bauarbeiten durch ungünstige Witterung und häufiges Hochwasser verzögert hatten, ist heute nun alles zum Empfang der Gäste gerichtet. Es bleibt also nur zu hoffen, dass dem feierlichen Akt, der dem wohlgelungenen Werk den krönenden Schlußstein geben soll, ein gerechtes Einsehen des Wetters beschieden sein möge. In diesem Sinne: ein herzliches ‚Glück auf!‘ zur Brückenweihe in Kocherstetten.  ew"

Bitte beachtet auch die TEXTE unter den Abbildungen!

Weitere Informationen:

zum  Bericht von Bürgermeister Heinrich Werner vom 22. Februar 1950 über die letzten Kriegstage in Kocherstetten, siehe J 170 Büschel 9 - über den Link gelangst du auch zu entsprechenden Berichten weiterer Gemeinden, z.B. Künzelsau

zu Innenminister Fritz Ulrich : ausführlicher Lebenslauf, von Gesellschaft für Geschichte des Weines e.V.

Sogar in den "Spiegel" hat es die Kocherstettener Brücke geschafft, wenn auch durch einen - zum Glück glimpflich ausgegangenen - Unfall im Februar 2022: hier der Link zum Bericht

Privatperson:

Angelika Di Girolamo aus Künzelsau

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