SOLLEN MEHR WINDENERGIE-ANLAGEN IN DEN WÄLDERN GEBAUT WERDEN?

EINIGE BUNDESLÄNDER ÖFFNEN IHRE FORSTE FÜR WINDKRAFT
Politiker überlegen, wie sie mit dem Thema Wind im Wald umgehen sollen, insbesondere jetzt vor den Landtagswahlen. Derzeitig wird das Thema von allen Parteien weitgehend ausgeblendet. Denn Wind im Wald ist ein sehr emotionales Thema, mit dem man in der Politik Wählerstimmen gewinnen oder verlieren kann.
Windturbinen in den Wald zu stellen, bedeutet erhebliche Eingriffe. Pro Anlage wird im Durchschnitt 0,4 Hektar Baumbestand gerodet. Sie haben enorme Auswirkung auf ihre Umgebung, auf Natur und Wald, Vögel und Wildtiere, Lärm und Landschaft. Hinzu kämen besondere Herausforderungen durch Zufahrtswege und Brandschutzanforderungen.
Die Bundesländer indes müssen sich dem Thema stellen und tun es auf unterschiedliche Weise. Mit den Verschärfungen u.a. in Thüringen (wir berichteten) und Nordrhein-Westfalen schrumpft die Gruppe der Länder, die Windenergie im Wald zulassen auf sechs: Baden-Württemberg, Bayern, Brandenburg, Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland.

SEHEN WIR DEN WALD VOR LAUTER BÄUMEN NICHT *)
Der bundesweite Blätterwald hatte die Meldung des Bundesforstministers Christian Schmidt, unreflektiert übernommen. Mysteriöse, rund 90 Milliarden Bäume gut ein Drittel des Bundesgebiets bewachsen, wurden begeistert als gegeben hingenommen. Im Vergleich zu 2002 waren es noch knapp neun Milliarden Buchen, Tannen, Eichen, Fichten und andere Bauholzarten. Diese wundersame Verzehnfachung des Baumbestands erregte Aufmerksamkeit und Interesse in der Redaktion des BR-Satiremagazins „quer“ mit deren vorangegangenen Recherchen.

WUNDERSAME BAUMVERMEHRUNG *)
Die neue Zählweise machts möglich. Nun mag man sich fragen, warum der massive Holzeinschlag in deutschen Wäldern plötzlich so ein Thema für die Forstwirte und Fachleute ist – schließlich hat sich der Baumbestand in den letzten zwölf Jahren ja wundersamerweise verzehnfacht. Dazu muss man wissen, dass die plötzlich aufgetauchten 90 Milliarden Bäume nicht auf den Klimawandel zurückzuführen sind, sondern schlichtweg auf eine neue Erhebungsmethode – oder anders ausgedrückt: Lügen mit Statistiken.
Nach der traditionellen Zählweise musste ein Baum, um als Baum gezählt zu werden, auf einer Höhe von 1,30 Meter mindestens sieben Zentimeter Durchmesser aufweisen. Die Faustregel lautete: Auf Brusthöhe kann man seine Hand nicht mehr um den Stamm schließen.
Bei der neuen Erhebungsmethode werden Schösslinge bereits ab einer Gesamthöhe von 20 Zentimetern als Baum gezählt.

AUSVERKAUF DER NATURSCHUTZGEBIETE *)
In der Reportage, bereits am 13. Januar 2014, „Die Grenzen der Nachhaltigkeit – Energie aus dem Wald“ folgte ein Team des Bayrischen Rundfunks den Weg alter Buchen aus bayrischen Naturschutzgebieten in den internationalen Export “.

Die Staatsforste haben offenbar den Export der Filetstücke als lukrative Einnahmequelle für klamme Länderhaushalte entdeckt. Rund 330.000 Tonnen hochwertiges Bauholz wurden bereits laut dem Statistischen Bundesamt im Jahr 2012 in deutschen Wäldern geerntet und exportiert.

Der Löwenanteil dessen geht nach China, das in seinem Bauboom auf den Rohstoff Holz angewiesen ist. Ironischerweise geht der starke Import auf neue Umweltschutzgesetze im Reich der Mitte zurück: Denn das kräftige Wirtschaftswachstum der vergangenen Jahre hatte die chinesischen Waldbestände derart hinweggerafft, dass China heute mit Wiederaufforstung gegen die Wüstenbildung kämpft. Infolgedessen wurden die Restbestände des chinesischen Waldes unter strengsten Schutz gestellt.

Dieses Thema hatte die ARD-Reihe „plusminus“ bereits zuvor in der Sendung „Alte Buchen nach China – Ausverkauf des deutschen Waldes“ vom 18. Dezember 2013 bereits aufgegriffen und beobachtet, wie ausgerechnet geschützte Hölzer gezielt geschlagen und direkt per Kran exportbereit in Container mit der plakativen Aufschrift „China Shipping“ verladen wurden.

Auch Greenpeace Deutschland warnte bereits im Februar 2012 in seinem 40 Seiten umfassenden Bericht vor dem Kahlschlag in besonders schützenswerten Waldgebieten. Dabei thematisieren die Umweltschützer vor allem den systematischen Raubbau an geschützten Bäumen in ausgewiesenen Naturschutzgebieten.

Die EU-Kommission verklagt Deutschland vor dem EuGH wegen jahrelanger Verstöße gegen geltendes Naturschutzrecht. Deutschland habe „eine bedeutende Anzahl von Gebieten immer noch nicht als besondere Schutzgebiete ausgewiesen“ (wir berichteten). **)

WALDVERNICHTUNG DURCH DIE WINDKRAFTINDUSTRIE
Auch kämpften lange Zeit, erfolgreich die Landkreise mit einer Forstreform für eine Dezentralisierung des Staatswaldes in BW mit dem Ziel sich direkt am „Einnahmekuchen“ für Ihre „klammen“ Haushalte beteiligen zu können.

In Baden-Württemberg rechnet der grüne Umweltminister Franz Untersteller mit einem Windkraftbedarf von zwei Prozent der Landesfläche. Momentan werden kaum 0,4 Prozent dafür genutzt.
Mehr Fläche für Windenergie in der Regionalplanung zu verankern werde eine Aufgabe für die nächste Landesregierung nach der Wahl im März sein, sagte Untersteller im Interview mit Tagesspiegel Background.

Eine Schlüsselrolle spiele „der Staatswald, der ungefähr ein Drittel der Waldflächen in unserem Land ausmacht. Da ließen sich mehrere hundert Anlagen aufstellen, es braucht aber die richtigen Regelungen.“

HIER STELLT SICH DIE FRAGE AN DIE POLITIK
in Deutschland über fast alle Parteien, insbesondere für die aktuelle Landtagswahl, warum will man den Ausschluss von Gebieten, insbesondere Wald nicht? Die möglichen Standorte für die umstrittenen Windenergieanlagen (u.a. die Karlsfurtebene) werden für die (noch vielen) prognostizierten Anlagen knapper. Die Waldgebiete müssen herhalten (s.o.), Thüringen zeigte politische Zivilcourage (wir berichteten), mit begründender Vernunft zum regionalen Naturschutz. Auch wenn die Entscheidung politische Ränkespiele aufzeigten, ist man den vernünftigen Argumenten von dutzenden Bürgerinitiativen gegen Windräder in Wäldern gefolgt.


Themen-Quelle aus:
*) BR-Satiremagazins „quer“,
    Timo Esser - Freitag-Community, Blog: Wald & Wirtschaft ǀ Der Ausverkauf der deutschen Naturwälder
    Link: Blog aus der Freitag-Community

**) Wir berichteten am 02.03.2021 in unserem Vorbeitrag WALD IM STRESS, über     
     verlinktes Video und Quellangabe.
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