Kunstgenuss (diesmal in größerem Häppchen) 4
Georg Baselitz: Zero Dom, 2015/2021
- Georg Baselitz (geboren 23. Januar 1938 in Deutschbaselitz, verstorben 30. April 2026 in Salzburg):
Zero Dom 2021, Bronze, patiniert
Sammlung Würth, Inv. 20722
Ort: Würth Skulpturengarten Künzelsau, zuvor im Zentrum von Paris vor der Académie Française aufgestellt (von Oktober 2021 bis März 2022)
- Foto: Eigene Aufnahme _ Sammlung Würth
- hochgeladen von Angelika Di Girolamo
Der Maler und Bildhauer Georg Baselitz ist am 30. April 2026 in Salzburg im Alter von 88 Jahren verstorben.
Eine große Anzahl seiner Werke ist im Bestand der Sammlung Würth.
siehe Ausstellung zum 85. Geburtstag
Seine Skulptur "Zero Dom" von 2015 und drei seiner Gemälde sind in der aktuellen Ausstellung "Focus - Neue Blicke auf die Sammlung Würth" zu sehen.
Auf dem Vorplatz des Museum Würth 2 werden im Skulpturengartens drei seiner Werke gezeigt, darunter eine monumentale, 9 Meter (!) hohe Variante von "Zero Dom" aus dem Jahr 2021, die "BDM Gruppe" aus 2012 und die Skulptur "Yellow Song", 2013, alle Bronze, patiniert.
"Zero Dom" ist ein vieldeutiges Werk mit spannender Geschichte
Die monumentale Bronzeskulptur mag von Weitem an ein aufgeschichtetes Lagerfeuerholz erinnern. Sie besteht aus fünf langen Beinen in hochhackigen Schuhen. Wie Mikadostäbe oder Zeltstangen sind sie miteinander verbunden, im oberen Teil von Draht gehalten.
Die Ausgangsformen wurden von Baselitz mit einer Kettensäge aus Baumstämmen herausgeschnitten, dann in Bronze gegossen und anschließend tiefschwarz patiniert (mit Farbe oder Lasur überzogen). Die Patinierung lässt an verkohlte Baumstämme denken.
Bereits 2015 schuf Baselitz eine etwa drei Meter hohe Version von "Zero Dom". Als er 2018 gebeten wurde, das Bühnenbild für die Aufführung von Wagners Oper "Parsifal" in München zu entwerfen, machte er eine kleinere Fassung von "Zero Dom" zum zentralen Blickfang seiner Bühnengestaltung. Sie wurde sehr kontrovers diskutiert und die Kritikerumfrage des "Opernfreund" wählte sie gar zum "Ärgernis des Jahres".
Als Baselitz 2020 zum Mitglied der der Académie des Beaux Arts ernannt wurde, ließ er die jetzt im Skupturengarten befindliche 9 Meter hohe Fassung von "Zero Dom" gießen und im Zentrum von Paris vor dem Institut de France aufstellen.
Dort fand die Skulptur großen Anklang.
Gegenüber den begeisterten Festgästen der Pariser Kunstakademie erläuterte Baselitz: "Zero Dom ist ein Haus des Zornes, ein Haus ohne Dach, ein Hort, an dem Parsifal war. Es ist ein deutsches Haus, ein Haus ohne Pracht und Pathos, ein Haus, in dem Wagner Damenschuhe trägt."
Zu dem Titelbestandteil Zero fand er, als sein Farbenlieferant ihm als Dreingabe zu den Farben eine Schirmmütze mit dem Firmenlogo Zero schenkte. Baselitz trug die Mütze fortan im Atelier und erweiterte seine Werktitel (die im Übrigen für die Betrachtenden oftmals nicht zur 'Sinnfindung' beitrugen) gelegentlich mit dem dadaistisch anmutenden Zusatz Zero.
Dom bezieht sich hingegen auf die in die Höhe ragende Form der Skulptur. Der Titel lässt an eine gotische Kathedrale denken, obwohl die lang gestreckten Frauenbeine eher an das Gestänge eines Zeltes denken lassen, wie Baselitz selbst einräumte.
Eine von vielen möglichen Interpretationen könnte eine Art Reigen sein, oder fast schon ein Ballett, das dem Werk eine gewisse Leichtigkeit verleiht - trotz der gewaltigen Ausmaße und des immensen Gewichts.
* Andererseits stellen sich bei mir persönlich bei der Auseinandersetzung mit "Zero Dom" Vorstellungen und Empfindungen des Eingeschnürtseins, der Unfreiheit ein. Ich denke an die Zeit des Nationalsozialismus, als die Jugendlichen (ab 1939 verpflichtend) in "Bünden" zusammengeschlossen waren, als Nachwuchsorganisation der NSDAP. **
Baselitz hat in der Nachkriegszeit die ausbleibende Vergangenheitsbewältigung in der BRD-Gesellschaft angemahnt, zum Beispiel mit seinen 'Helden' , die so gar nicht 'ins Bild' passten ... )*
Als Motiv tauchen Bein oder Fuß bei Baselitz häufig auf, so auch schon in der "BDM Gruppe" und im Gemälde "Aufwärts, rechts herum, 2015 (in der Focus-Ausstellung).
Er selbst bezeichnet die Beine/Füße als Selbstportraits, die seine eigene Bodenhaftung und seine Skepsis gegenüber allem Transzendenten sinnbildhaft zum Ausdruck bringen sollen.
Häufig ist der Fuß auch als künstlerische Spur zu verstehen, deren Fährte Baselitz im übertragenen Sinne aufnimmt.
Quellen:
30 Minuten Kunst, siehe unten
Audio-Guide zum Skulpturengarten
* Meine persönliche Interpretation*
** siehe nsdoku münchen - Andreas Eichmüller: Bund Deutscher Mädel (BDM), publiziert am 17.07.2025 in: nsdoku.lexikon
Baselitz zu seinem Kunstverständnis:
"Es gibt heute keine Ideale. Ich bin in eine zerstörte Ordnung hineingeboren worden, in eine zerstörte Landschaft, in ein zerstörtes Volk, in eine zerstörte Gesellschaft. Und ich wollte keine neue Ordnung einführen. Ich hatte mehr als genug sogenannte Ordnungen gesehen. Ich war gezwungen, alles in Frage zu stellen, musste erneut 'naiv' sein, neu anfangen. Ich habe weder die Sensibilität noch die Bildung oder die Philosophie der italienischen Manieristen. Aber ich bin in dem Sinne ein Manierist, dass ich Dinge deformiere. Ich bin brutal, naiv und gotisch".
Quelle: Audio-Guide zur Ausstellung Focus, # 503 Georg Baselitz / Pablo Picasso, nachzuhören in der App Würth Collection Sammlung Würth
Weitere Informationen/Nachrufe auf Georg Baselitz:
Podcast 30_Minuten_Kunst
In der Folge "Neue Blicke auf die Sammlung Würth" vom 23. Oktober 2025 spricht Journalist Jens Trocha mit Dr. Beate Elsen-Schwedler, stellvertretende Direktorin der Sammlung Würth und mit Maria Würth (Geschäftsbereichsleiterin Kunst und Kultur in der Würth-Gruppe) Kuratorin der Ausstellung FOCUS
Ein kurzer Film über die Montage der Skulptur Zero Dom und mehr im Oktober 2021 in Paris (Galerie Noack, Berlin)
Nachruf der documenta Kassel
Hier geht's zum Bericht von Moni Bordt über Skulpturen vor Museum Würth 1 und im Skulpturengarten am Museum Würth 2, darin enthalten die 'BDM-Gruppe' von Georg Baselitz.
Focus - Neue Blicke auf die Sammlung Würth
Museum Würth 2, Künzelsau
13. Oktober 2025 bis Frühjahr 2028
Täglich 10 - 18 Uhr, Eintritt frei
www.KunstKultur.wuerth.com
Privatperson:Angelika Di Girolamo aus Künzelsau |
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