Frauen vom Land, Teil 1
Foto-Ausstellung von Roland Bauer im Hohenloher Freilandmuseum
- Pauline Schaffitzel,
Einsiedlerin in der Mittelmühle
Roland Bauer erzählt:
Als ich im Dorf Ettenhausen nach der Mittelmühle fragte, hieß es nur: „Meinen Sie die Einsiedlerin?"- Pauline Schaffitzel sei früher das hübscheste Mädchen im Ort gewesen. Doch keiner war ihr recht, und so blieb sie ledig.
Der Weg führte mich zu einem verfallenen Gebäude am Ortsrand. Ich klopfte, rief - nichts rührte sich. Schon im Begriff zu gehen, öffnete sich plötzlich die Tür. Eine gebeugte alte Frau trat hervor, skeptisch, aber nicht abweisend. Nach kurzem Gespräch bat sie mich in ihr Haus.
Im Zentrum der dunklen Stube stand ein großer guss-eiserner Ofen. Alles war verrußt, der Raum von einem grauen Schleier überzogen. Pauline war fast blind. Sie lebte allein, mit ein paar Hühnern und kranken Katzen. An diesem Tag fotografierte ich nicht, ich hörte einfach zu.
Sie war das jüngste von drei Geschwistern. Der ältere Bruder fiel im Krieg, der jüngere hielt die Mühle noch einige Jahre am Laufen. Damals mahlte das Wasserrad fast rund um die Uhr. Später verdrängten industrielle Mühlen den kleinen Betrieb. Nach dem Tod des Bruders blieb Pauline allein zurück. Die Mühle verfiel, das Dorf wandte sich ab.
Mit über 80 Jahren hatte sie dann nur noch eine Kuh, kaum Milch, keine Krankenversicherung. Nach einem Oberschenkelbruch konnte sie sich nur noch mit einem Holzschemel fortbewegen.
An Weihnachten saß sie, in Decken gehüllt, auf dem Sofa. Es war kalt, kein Licht, kaum Wärme. Wir waren die Einzigen, die sie besuchten. Zum Abschied schenkte sie uns eine vergilbte Packung Kekse - es waren die, die wir ihr einst mitgebracht hatten. - Foto: Foto und Text: Roland Bauer
- hochgeladen von Angelika Di Girolamo
Eine besonders sehenswerte Ausstellung wird noch bis Samstag, 15. November im Hohenloher Freilandmuseum in Schwäbisch Hall - Wackershofen gezeigt:
Roland Bauer: Frauen vom Land. Alte Bäuerinnen im Hohenlohe der 1970er und 80er Jahre.
Einige Reproduktionen von Fotos, die mich ganz besonders beeindruckt haben, darf ich in diesem Beitrag mit freundlichem Einverständnis des Fotografen Roland Bauer veröffentlichen (am 26. September konnte ich die Fotos in hoher Qualität einstellen, siehe unten: DANK).
Im Folgenden zitiere ich aus der Homepage des Hohenloher Freilandmuseums.
"Der Winterberger Fotograf Roland Bauer ist weithin bekannt für seine dokumentarischen Fotografien. In den 1980er-Jahren waren vielfach Handwerker, „die letzten ihres Standes“ sein Motiv, aber auch den traditionellen, damals schon „aussterbenden“ bäuerlichen Lebensformen galt sein Interesse.
In diesem Zusammenhang entstanden einzigartig eindrückliche Fotografien von Frauen vom Land, die schon vor 40 und mehr Jahren ein Leben führten, das aus der Zeit gefallen war. Anlässlich des 75. Geburtstages des Künstlers zeigt das Freilandmuseum in der Scheune aus Bühlerzimmern die Sonderausstellung „Frauen vom Land. Alte Bäuerinnen im Hohenlohe der 1970er- und 80er-Jahre“.
Ausstellungsbegleitend erscheint im Molino-Verlag ein Bildband."
TIPP:
Der Bildband "Roland Bauer | Frauen vom Land" ist sicher für alle historisch und regional Interessierten ein sehr schönes Geschenk, und auch eine gute Möglichkeit, für alle, die es nicht zur Ausstellung schaffen, die einzigartigen Fotos zu sehen und die kurzen, berührenden Geschichten zu lesen, die Roland Bauer dazu geschrieben hat.
INFO:
Das Museum ist von Dienstag bis Sonntag ab 10 Uhr bis 18 Uhr (ab Oktober bis 17 Uhr) geöffnet. Weitere Informationen unter wackershofen.de. Kontakt per Mail an info@wackershofen.de oder Telefon 0791 971010.
Anschrift: Dorfstraße 53, 74523 Schwäbisch Hall-Wackershofen.
DANK:
Die Dateien der Fotos und die Texte der Info-Banner wurden mir freundlicherweise vom Hohenloher Freilandmuseum zur Verfügung gestellt.
VERANSTALTUNG:
am Sonntag, 5. Oktober: hier gibt's Genaueres dazu
TEIL 2
erzählt von Schwester Marie:
Nah bei den Menschen
Privatperson:Angelika Di Girolamo aus Künzelsau |
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