Lausbubengeschichten von Bruno Gässler 22: Physik oder: Wir wollten doch unseren 'Turnvater Jahn' nicht enttäuschen!

Alle Lausbubengeschichten

Der Aufenthalt im Schülerheim war, wie man sieht, angenehm und abwechslungsreich. Aber, da war doch noch etwas? Richtig, das Wichtigste, die Schule, den Unterricht hätten wir fast vergessen, und das sollte doch die Hauptsache sein.
Ein Lieblingsfach war Physik. Herr Schubert, ein alter erfahrener Pädagoge, der schon im Ruhestand war, aber wieder zum Einsatz kam, weil alle Junglehrer an der Front waren, hat die Stunden sehr interessant gestaltet, so dass nie Langeweile aufkam. Er war ein kleines, drahtiges Männchen, war immer für einen Spaß zu haben, darum nannten wir ihn „Turnvater Jahn“.
In dieser Stunde wurde die Verformung der Körper vom festen über den flüssigen bis zum gasförmigen Zustand besprochen, also deren Aggregatzustand und die Gewinnung von Energie. Das Experiment wurde in einem Reagenzglas durchgeführt, das mit einer Spiritusflamme erhitzt wurde. Verformt wurden kleine Holzstückchen, Anthrazit, Pappe, und sogar eine Prise Grieß musste dran glauben. Wir waren begeistert und erstaunt, wenn dann an der Öffnung oben eine blaue Flamme züngelte. Herr Schubert fügte an, dass man diese Art von Gasgewinnung auch über eine Gärung erreichen könne, denn dabei spare man die Energie der Gasflamme. Mit einem viel sagenden Grinsen bemerkte er noch, dass sich dieser Gärungsprozess auch im menschlichen Körper vollziehe, und wir würden staunen, wie das so erzeugte Gas lichterloh brenne. Das war für uns ein Wink mit dem Zaunpfahl.
Der Abend wurde herbeigesehnt, und wir konnten nicht schnell genug in unserem Schlafsaal verschwinden. Streichhölzer lagen griffbereit auf dem Tisch, der sich in der Mitte des Raumes befand. Alle lagen breitbeinig da und warteten auf die Blähungen. Die Enttäuschung war groß, aber ein organischer Vorgang lässt sich nicht erzwingen. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg, dachten wir, und wenn die Natur streikt, dann hilft man eben nach.
Am nächsten Abend waren Pellkartoffeln mit Quark angesagt. Eine solche Mahlzeit, die uns immer willkommen war; an diesem Abend passte sie so richtig in unser Programm. Auf dem Dachboden lagerten eine Menge Zwiebeln, die dort zum Trocknen ausgebreitet waren. Wir bedienten uns der Knollen und mischten eine ganze Menge, fein geschnitten, in unser Kartoffel-Quarkgemisch. Wir erhofften dadurch eine wirklich durchschlagende Wirkung zu erzielen.
Eine scharfe Duftwolke durchzog den Speisesaal, und wer eine Schar Mädchen richtig kennt, weiß, dass sie immer übertreiben müssen, so auch hier. Prustend hielten sie sich die Nasen zu und schnitten fürchterliche Grimassen. Die Heimleiterin musste natürlich reagieren und ließ unsere Gosboschia kommen. Als diese in den Raum trat und eine Nase voll von diesem Ozon schnupperte, war sie einer Ohnmacht nahe. Händeringend beteuerte sie ihre Unschuld, bevor Fräulein Daie auch nur ein Wort gesagt hatte.
„Matka Boska, Frailein, hier stinken wie in Kuhstall, ich aber nur geben ein klein wenig Swibbele in Quark, nur für Geschmaaak, ich nix wissen, warum so stinkt.“
Wir Jungs saßen da wie die Unschuldslämmer und verzogen keine Miene. Beschuldigen konnte man uns nicht und beweisen schon gar nicht, weil das Corpus delicti schon verzehrt war. Der Raum wurde gelüftet, die Gemüter haben sich beruhigt, und alles ging seinen gewohnten Gang.
Die Wirkung allerdings war verblüffend. Die Zwiebeln, der Quark und dazu noch die Pellkartoffeln ließen jeden zu einer Gasanstalt werden. Der Zufall wollte es, dass Fräulein Daie mal wieder ihrer Einladung folgte und wir frei waren wie die Vögel im Walde.
Diesmal klappte das Experiment auf Anhieb. Wir stellten diesmal eine brennende Kerze auf den Tisch, denn im Krieg war alles Mangelware und so auch die Streichhölzer. Ein jeder nahm seine bekannte Stellung ein, und es dauerte nicht lange, dann kam die erste Meldung. Hierher, hierher! Die Kerze wurde von einem Jungen ergriffen und dem Rufer an sein Hinterteil gehalten. Die anderen stürzten wie wild über die Betten um ja nicht den wichtigsten Moment, den Höhepunkt unseres physikalischen Experimentes, zu verpassen. Wie von allen erwartet, züngelte eine blaue Flamme vor den Pobacken den Rücken empor und verlosch. Das ganze vollzog sich so schnell, dass eine Verbrennung oder Verletzung nicht möglich war.
Ein Freudengeschrei hallte durch den Schlafsaal. Nun ging es Schlag auf Schlag, der Kerzenträger konnte gar nicht so schnell wechseln, wie es nötig gewesen wäre.
Glücklich über unseren gelungenen Versuch legten wir uns zur Ruhe, aber die Fenster wurden vorher wohlweislich weit geöffnet.
Bei der nächsten Physikstunde konnten wir uns nicht verkneifen, Herrn Schubert unser Erlebnis zu beichten. Er setzte wieder sein vielsagendes Lächeln auf und sprach:"Jungs, wenn ihr diesen Versuch nicht gewagt hättet, dann wäre ich von euch bitter enttäuscht gewesen."
8
Diesen Autoren gefällt das:
9 Kommentare
7.403
Michael Harmsen aus Weinsberg | 26.10.2021 | 15:22  
5.341
Angelika Di Girolamo aus Künzelsau | 26.10.2021 | 15:26  
7.403
Michael Harmsen aus Weinsberg | 26.10.2021 | 15:30  
3.341
Uschi Dugulin aus Neuenstein | 26.10.2021 | 15:50  
7.403
Michael Harmsen aus Weinsberg | 26.10.2021 | 15:54  
5.341
Angelika Di Girolamo aus Künzelsau | 26.10.2021 | 15:54  
9.048
Gudrun Vogelmann aus Bad Friedrichshall | 27.10.2021 | 13:28  
7.403
Michael Harmsen aus Weinsberg | 30.10.2021 | 16:54  
5.341
Angelika Di Girolamo aus Künzelsau | 30.10.2021 | 18:56  
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.